Weide, Weidenrinde (Salix species)

ASS und Aspirin kennt schon fast jedes Kind, Acetylsalicylsäure und Salicylsäure die meisten Erwachsenen. Die wenigsten Menschen aber wissen nicht, dass all diese Medikamente oder Wirkstoffe auf die Weide zurückgehen, genauer gesagt: auf die Weidenrinde. Weidenrinde wird spätestens seit dem Altertum zur Schmerzbekämpfung eingesetzt. Möglicherweise kannte schon der Steinzeitmann Ötzi die Heilkraft der Weidenrinde. In seiner Hausapotheke fanden Wissenschaftler keine Weide, aber Spuren des Birkenporlings.

In Fachkreisen weitgehend anerkannt sind die fiebersenkenden und schmerzlindernden Eigenschaften der Weidenrinde sowie ihr Einsatz bei rheumatischen Beschwerden. Die Stiftung Warentest bewertet die Einnahme von Weidenrinde als „geeignet bei leichter Arthrose, leichten Gelenk- und Rückenbeschwerden sowie Verspannungen“ (September 2014).

Heilpflanze Weidenrinde (Salix cortex) in Kürze

  • lindert Schmerzen, senkt Fieber und hemmt Entzündungen
  • weniger stark und weniger reich an Nebenwirkungen im Vergleich mit Acetylsalicylsäure (ASS)
  • bei Allergie und Erkrankungen der Bronchien sowie für Kinder nicht geeignet
  • auf keinen Fall im letzten Drittel der Schwangerschaft anwenden (Gefahr von Frühgeburt und Fehlbildungen)
  • Anwendungsgebiete: Arthrose, Gelenkschmerzen, Rückenschmerzen, rheumatische Beschwerden, Fieber.

Von Weidenrinde über Salicin zu Aspirin

Weidenrinde enthält neben einem hohen Anteil an Gerbstoffen mehr als 10 Prozent Salicylsäuren beziehungsweise Salicylate. Zwei dieser Substanzen sind Salicin und Salicortin. Der Wirkstoffgehalt ist abhängig von der Weidenart. Für medizinische Zwecke werden vor allem Silberweide (Salix alba) und Purpurweide (Salix purpurea) verwendet.

Das Salicin wurde erstmals vor knapp 200 Jahren aus der Weidenrinde isoliert. Wenige Jahre wurde Salicylsäure als Schmerzmittel vermarktet. Die Entwicklung des weltweit meistbekannten Schmerzmittels Aspirin schaffte der Apotheker Felix Hoffmann im Jahr 1897. Er schuf aus der Salicylsäure die Acetylsalicylsäure, die wir heute als ASS oder Aspirin kennen.

Wirkweise von Weidenrinde

Das Salicin aus der Weidenrinde wird im Körper in Salicylsäure umgewandelt. Dies geschieht bei innerlicher Anwendung vor allem in der Leber. Daher bleiben bei der Verwendung von Weidenrinde die ungünstigen Nebenwirkungen der nah verwandten Acetylsalicylsäure (ASS) auf den Magen aus. Die positive Wirkung ist allerdings auch deutlich schwächer ausgeprägt als bei ASS.

Weidenrinde bzw. Salicylsäure lindern Schmerzen, senken Fieber und hemmen Entzündungen. Diese Effekte kommen zustande, indem der Wirkstoff die Produktion von Entzündungsdungs-Botenstoffen, sogenannten Prostaglandinen, hemmt. Weniger Prostaglandine bedeuten weniger Entzündung – mit den positiven Auswirkungen auf Körpertemperatur und Schmerzwahrnehmung. Allerdings stellen sich die Effekte in der Regel erst nach mehrwöchiger Einnahme ein.

Weidenrinde anwenden

Weidenrinde-Präparate und Weidenrinden-Tees sind im Allgemeinen sehr gut verträglich und Nebenwirkungen nicht zu erwarten. Dennoch gilt es, einige Hinweise zu beachten.

Anwendungsverbote (Gegenanzeigen)

Bei einer Allergie auf Salicylate, in Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern unter 12 Jahren dürfen Weidenrinde-Präparate nicht angewendet werden.

Sicherheitshalber mit Ihrem Arzt sprechen sollten Sie vor der Anwendung von Weidenrinde bei

  • Asthma
  • verengten Bronchien
  • Magen-Darm-Geschwüren
  • Funktionsstörungen der Nieren oder Leber.

Kaum gerinnungshemmende Eigenschaften

Im Gegensatz zu ASS sind die gerinnungshemmenden Eigenschaften von Weidenrinde nur sehr gering ausgeprägt. Daher können Weidenrinde-Präparate auch gemeinsam mit Medikamenten eingenommen, die die Blutgerinnung hemmen. Sicherheitshalber sollten Sie vor einer Einnahme aber Ihren Arzt befragen.

Nebenwirkungen

Nebenwirkungen verspüren vor allem Menschen mit einem empfindlichen Magen in Form von Übelkeit. Hautreaktionen können auf eine allergische Reaktion hindeuten. Wenn Rötungen oder Juckreiz nicht innerhalb von wenigen Tagen abklingen, sollten Sie das Mittel absetzen und einen Arzt aufsuchen.

Wechselwirkungen

Weidenrinde kann die Wirkung von gleichzeitig angewendeten blutgerinnungshemmenden sowie blutzuckerspiegelsenkenden Medikamenten verstärken und die Wirkung von Medikamenten zur Steigerung der Harnsäureausscheidung (sogenannte Gichtmittel) vermindern.

Die gleichzeitige Anwendung von Weidenrinde-Präparaten und anderen nicht-steroidalen Entzündungshemmern (wie Aspirin und Ibuprofen) vergrößert das Risiko für Magengeschwüre und Magenblutungen.

Mitunter vermindert Weidenrinde die Wirkung von harntreibenden Medikamenten, die unter anderem bei hohem Blutdruck eingesetzt werden.

Keine Weidenrinde im letzten Schwangerschaftsdrittel

Sicherheitshalber sollten Sie Weidenrinde in Schwangerschaft und Stillzeit nicht verwenden. Das gilt vor allem für das letzte Drittel der Schwangerschaft. Es sind Fälle dokumentiert, in denen Salicylsäure die Geburt verzögert oder Fehlbildungen des Herz-Lungenkreislaufs beim Ungeborenen verursacht hat.

Weidenrinde-Tee selbst zubereiten

Für einen Weidenrindentee (auch Rheumatee genannt) werden etwa 3 g geschnittene oder pulverisierte Weidenrinde mit kaltem Wasser angesetzt. Diesen Ansatz zum Kochen bringen, vom Herd nehmen und nach 10 Minuten abseihen. Dreimal täglich eine Tasse in kleinen Schlucken trinken.

Autor: Charly Kahle

Stand: 28.07.2017