Synonyme

Gilles-de-la-Tourette-Syndrom, Tourette

Definition

Tourette-Syndrom

Das Tourette-Syndrom (Gilles-de-la-Tourette-Syndrom oder kurz Tourette) ist eine sehr seltene neurologisch-psychiatrische Erkrankung, die durch sogenannte Tics gekennzeichnet ist. Tics sind unwillkürliche motorische oder sprachliche Äußerungen, die Tourette-Kranke nicht unterdrücken können. Eine bestimmt Form der sprachlichen Tics wird als Koprolalie bezeichnet. Dabei stoßen Betroffene Worte aus, die das Verdauungssystem betreffen (kopros = Kot, Stuhl).

Tourette-Patienten sind nicht verrückt

Menschen mit Tourette-Syndrom werden von Unbekannten oft für verrückt gehalten werden. Das ist nicht zutreffend. Tourette-Patienten normal intelligent. Viele gelten sogar als besonders musikalisch und sprachlich begabt. Außerdem haben Tourette-Patienten oft eine außergewöhnlich schnelle und gute Reaktionsfähigkeit. Zudem werden vielen von ihnen ein gutes Auffassungsvermögen, eine besondere Schlagfertigkeit sowie ein ausgeprägtes Personen- und Zahlengedächtnis nachgesagt.

Tics beim Tourette-Syndrom

Bei den unwillkürlichen Handlungen, den Tics, werden vokale Tics wie Schmatzen oder Schimpfen und motorische Tics wie Zuckungen unterschieden. Motorische Tics beginnen meist zwischen dem siebten und zwölften Lebensjahr, die vokalen etwa ab dem zwölften Lebensjahr. Zudem werden einfache und komplexe Tics unterschieden. Unter komplexen motorischen Tics werden komplizierte unwillkürliche Bewegungsabläufe verstanden. Zum Beispiel Berührungstics oder wenn Wege in bestimmten Schrittfolgen zurückgelegt werden.

Die Tics können körperlich sehr anstrengend sein – manche dieser Bewegungen werden bis zu 60 000 Mal am Tag ausgeführt. Tics können auch Formen annehmen, die unter die Kategorie Selbstverletzung fallen. Patienten schlagen sich den Kopf gegen eine Wand oder trommeln sich auf die Augen - teilweise bis zur Erblindung.

Symptome

Klassische Symptome von Tourette-Syndrom sind die sogenannten Tics wie unkontrolliertes Lachen, Schmatzen, Schreien, das Ausstoßen von Flüchen oder Tierlauten, Grimassieren und sogar Zuckungen, die das Gehen problematisch machen. Doch Grunzen, Zucken, Schmatzen oder Grimassenschneiden sind noch die harmlose Variante des Tourette-Syndroms. Denn ein Drittel der rund 40 000 Betroffenen in Deutschland leidet auch an Koprolalie, dem unwillkürlichen Ausstoßen von Ausdrücken und Obszönitäten aus der Vulgärsprache.

Viele Tourette-Patienten spüren vor den Tics eine Spannung oder ein Kribbeln, das sich löst, wenn sie den Tics nachgeben. Auch können die Betroffenen Tics für eine Weile unterdrücken – die sich aber in der Regel danach umso heftiger Bahn brechen.

Einige Tourette-Tics im Überblick

  • Blinzeln, Grimassieren, Bewegungen von Mund und Lippen, Kopfschütteln, Schulterzucken, Fingerbewegungen, ruckartige Bewegungen jedes Körperteils
  • Beißen, Hüpfen, in die Hocke gehen, Zurechtzupfen der Kleidung, Spielen mit den Haaren
  • obszöne Gesten (Kopropraxie)
  • zwanghaftes Imitieren Anderer (Echopraxie)
  • Bellen, Grunzen, Gurgeln, Husten, Kreischen, Räuspern, Saugen, Schniefen, Schreien, Spucken, Tiergeräusche, Zischen und viele andere Geräusche
  • Silben, Wörter, kleine Sätze
  • Auffälligkeiten beim Sprechen, was Rhythmus, Betonung, Geschwindigkeit angeht
  • Wiederholen von Silben oder Wörtern (Echolalie)
  • Aussprechen und Wiederholen obszöner oder sozial unangemessener Wörter aus der Fäkalsprache (Koprolalie)

Ursachen

Die Ursache des Tourette-Syndroms ist nach wie vor nicht geklärt. Es wird eine genetische Komponente vermutet, nur ist bislang das entsprechende Gen noch nicht identifiziert worden. Daneben gibt es noch eine nicht-genetische Variante als Ursache des Tourette-Syndroms.

Aus bislang unbekannter Ursache geraten bei Tourette-Patienten Stoffwechselvorgänge im Gehirn durcheinander. Hauptsächlich davon betroffen ist der Nervenbotenstoff Dopamin. Dopamin ist unter anderem für unsere Bewegungsabläufe verantwortlich. Beim Tourette ist dessen Signalübertragung im Gehirn überaktiv, wodurch sich die unkontrollierten Bewegungen von Betroffenen erklären lassen.

Untersuchung

Im Verlauf des Tourette-Syndroms müssen die Tics nicht ständig vorhanden sein. Zu Beginn der Erkrankung können die Symptome monatelang ausbleiben. Das erschwert auch die Diagnostik von Tourette-Syndrom: Gerade in der Untersuchungssituation bleiben die typischen Zuckungen häufig aus. Hier verhelfen Videoaufnahmen dem Arzt zur Diagnose - und den Eltern der kleinen Patienten zu Glaubwürdigkeit.

Die Diagnostik von Tourette ist eigentlich einfach – wenn der Arzt diese Diagnose erwägt. Tatsächlich ist das häufig nicht der Fall. Denn da die Tics sich meist im Schulalter erstmals zeigen, werden die Kinder zuvor eher als renitent und schwer erziehbar eingestuft. Kompliziert wird die Diagnose auch dadurch, dass bis zu 80 Prozent der Tourette-Patienten außerdem an einem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) erkranken. Auch der Übergang von Tics zu Zwangshandlungen ist fließend. Zwangsstörungen sind häufig eine Begleiterkrankung beim Tourette-Syndrom.

Behandlung

Das Tourette-Syndrom ist nicht heilbar, weil die Ursachen der Erkrankungen unbekannt sind. Die ärztliche Therapie muss sich daher darauf beschränken, die Tics zu lindern und Begleiterkrankungen zu behandeln. In der Therapie von Tourette werden vor allem dämpfende Medikamente eingesetzt. Wegen des hohen Leidensdrucks der Erkrankten und zuweilen wegen begleitender psychischer Erkrankungen gehören auch psychotherapeutische Ansätze zur Behandlung von Tourette. Operative Verfahren wie Hirnschrittmacher oder die Verödung von bestimmten Hirnbereichen sind noch im Experimentalstadium.

Medikamentöse Therapie von Tics

Für die medikamentöse Therapie von Tics gibt es leider auch keine wirklich befriedigende Lösung. Zum einen wirken die Medikamente bei vielen Patienten unterschiedlich. Zum anderen ist die Einnahme der bei Tourette-Syndrom eingesetzten sogenannten Neuroleptika häufig von starken Nebenwirkungen begleitet. Tourette-Experten raten daher, Medikamente nur bei stark ausgeprägten Tics einzusetzen. Wirkstoffe der Wahl sind dann sogenannte Dopaminblocker oder Dopaminantagonisten wie Tiaprid, Pimozid, Risperidon oder Olanzapin. Das vielen älteren Patienten bekannte Haloperidol wird mittlerweile nur noch selten verwendet.

Eine neuere Studie der Medizinischen Hochschule Hannover ergab, dass Tetrahydrocannabinol (THC), einer der Hauptwirkstoffe von Cannabis, motorische und sprachliche Tics erstaunlich gut vermindert. Weiterführende Untersuchungen fehlen jedoch bislang.

Grundsätzlich sollte die Medikation bei Tourette-Syndrom sehr zurückhaltend angegangen werden. Das gilt nicht nur für Kinder, sondern auch für erwachsene Patienten. Vorzugsweise wenden Sie sich dazu an einen erfahrenen Neurologen oder ein spezialisiertes Zentrum, in dem es reichhaltige Erfahrungen im Umgang mit Tourette gibt.

Gegebenenfalls werden Begleiterkrankungen wie Zwangsstörungen oder ADHS mit weiteren Medikamenten behandelt.

Psychotherapie bei Tourette

Inwiefern eine psychotherapeutische Behandlung von Tourette zielführend ist, wird gegenwärtig in einigen Studien untersucht. Nach den bislang vorliegenden Ergebnissen lässt sich sagen, dass tiefenpsychologische Verfahren nicht geeignet sind, Tics zu lindern. Einen positiven Effekt hingegen scheinen verhaltenstherapeutische Ansätze zu erzielen.

Gegen Zwangstörungen, Angst, ADHS oder Depressionen ist Psychotherapie, und hier wiederum die Verhaltenstherapie, ein gut wirksamer Behandlungsansatz. Allerdings müssen die psychotherapeutischen Methoden in ein individuell gut abgestimmtes Behandlungskonzept integriert werden.

Selbsthilfe bei Tourette

Die effektivste Form der Selbsthilfe bei Tourette dürften Selbsthilfegruppen darstellen. Hier erfahren Betroffene und deren Umfeld das Mitgefühl und die Solidarität, die angesichts der so offenkundigen und häufig störenden Tics im Alltag selten erlebt wird. Dieses Erleben stärkt das Selbstbewusstsein und trägt damit erheblich zu mehr Lebensqualität bei. Außerdem sind Selbsthilfegruppen eine Börse für zielführende Informationen.

Der Nutzen von Entspannungstechniken gegen die Tics ist nur oberflächlich erforscht. In einigen Fällen tragen Muskelentspannung nach Jacobsen, Yoga oder Autogenes Training dazu bei, Tics zumindest vorübergehend zu lindern. Ein Versuch kann also wenigstens nicht schaden.

Krankheitsverlauf

Die Prognose bei Tourette-Syndrom ist nicht allzu schlecht. Ab dem 20.Lebensjahr bilden sich die Tics bei etwa einem Drittel der Betroffenen spontan zurück. Bei einem weiteren Drittel bessern sich die Symptome. Trotz der zum Teil sehr belastenden und das Umfeld störenden Tics gelingt den meisten Patienten eine gute soziale Integration.

Vorbeugung

Eine gezielte Vorbeugung gegen das Tourette-Syndrom ist nicht möglich, da es sich um eine neurologische Erkrankung ohne bekannte Ursache handelt.

Autor: Charly Kahle

Stand: 01.08.2013