Morbus Fabry

Morbus Fabry ist eine seltene erblich bedingte Stoffwechselerkrankung, die alle Organe betreffen kann. Lesen Sie mehr über Symptome, Ursachen und Behandlung der Fabry-Krankheit.

Synonyme

Fabry Krankheit, Fabry-Syndrom, Fabry-Anderson-Krankheit, Fabry-Anderson-Syndrom, Anderson-Fabry-Krankheit, Anderson-Fabry-Syndrom, Alpha-Galaktosidase A-Mangel, diffuses Angiokeratom, Angiokeratom corporis diffusum Fabry, FD

Definition

Kleinkind

Morbus Fabry wird häufig auch als Fabry Krankheit oder Fabry-Anderson-Syndrom bezeichnet. Die beiden Namen leiten sich von dem Deutschen Johannes Fabry (1880 bis 1967) und dem Engländer William Anderson (1842 bis 1900) ab. Sie haben die Stoffwechselstörung 1898 unabhängig voneinander erstmals beschrieben.

Morbus Fabry ist eine seltene, erblich bedingte Stoffwechselstörung aus der Gruppe der sogenannten lysosomalen Speicherkrankheiten. Die Fabry-Krankheit kann alle Organe betreffen und gehört somit zu den Multisystemerkrankungen.

Was aber sind lysosomale Speicherkrankheiten?

Lysosomen sind Zellorganellen tierischer und menschlicher Zellen, die Verdauungsenzyme enthalten. Sie bauen unter anderem körperfremde und körpereigene Vielfachzucker und andere große Molekülverbindungen in ihre Einzelsubstanzen um. Dafür werden spezielle Eiweiße mit Katalysatorfunktion benötigt, sogenannte Enzyme.

Lysosomale Speichererkrankungen entstehen, wenn Lysosomen ihrer enzymatischen Funktion nicht mehr in vollem Umfang nachkommen können. Dadurch werden die Makromoleküle nicht mehr abgebaut und reichern sich in Zellen und Gewebe an.

Beim Fabry-Syndrom funktioniert das Enzym α-Galaktosidase A nicht mehr ausreichend. Dieses Enzym ist für den Abbau von Globotriaosylceramid (abgekürzt Gb3, andere Bezeichnung GL-3) verantwortlich. Infolge reichert sich Gb3 in den Innenwänden von Blutgefäßen an.

Die Symptome von Morbus Fabry hängen vom betroffenen Organ ab und können von schmerzenden Händen und Füßen bis zu Nierenfunktionsstörungen und Herzschäden sehr vielfältig ausfallen. Deshalb - und durch die Seltenheit dieser Erkrankung - wird die Diagnose oft erst relativ spät gestellt.

Die Fabry Krankheit ist bislang nicht heilbar. Seit 2001 kann Morbus Fabry aber mit einer Enzymersatztherapie ursächlich behandelt werden. Die Patienten erhalten dabei das Enzym α-Galaktosidase A lebenslang als Infusion.

Häufigkeit

Morbus Fabry zählt zu den seltenen Erkrankungen (Orphan Diseases). Die Zahlen, wie häufig diese Stoffwechselstörung vorkommt, schwanken erheblich. Neueren Untersuchungen aus Italien zufolge kann man von einer Prävalenz von 1: 3.100 ausgehen. Demnach erkrankt durchschnittlich 1 Baby pro 3.100 Neugeborene. Daraus ergeben sich für Deutschland 26.450 Fabry-Patienten. Offiziell registriert sind jedoch nur etwa 700. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen.

Symptome

Morbus Fabry gibt es in zwei Varianten. Zur Gruppe 1 gehören Menschen, bei denen das Enzym α-Galaktosidase A gar nicht mehr funktioniert. Mediziner sprechen vom klassischen Fabry-Syndrom. Bei Fabry-Patienten der Gruppe 2 arbeitet das Enzym nur unzureichend. Dies wird als atypisches Fabry-Syndrom bezeichnet.

Erstsymptome vom klassischen Fabry-Syndrom

Morbus Fabry wird erst auffällig, wenn sich ausreichend viel Globotriaosylceramid (Gb3) in den Zellinnenwänden der Blutgefäße angestaut an. Beim klassischen Fabry-Syndrom fallen die ersten Symptome meist schon im Kindesalter auf. Haupt-Erstsymptom sind schmerzhafte Missempfindungen in Fingern und Zehen (Akren). Diese sogenannten Akroparästhesien treten bei bis zu 80 Prozent aller Patienten mit Morbus Fabry auf.

Schmerzen können bei Morbus Fabry in zweifacher Weise auftreten:

  • schubweise als sogenannte periodische Fabry-Krisen mit ständig wiederkehrenden Schmerzattacken
  • 2. als chronischer Verlauf mit gleichbleibenden Schmerzen.

Fabry-Krisen

Fabry-Krisen werden insbesondere durch Stress körperliche oder seelische Erschöpfung, starke physische oder psychische Belastungssituationen, Fieber oder schnelle Temperaturwechsel von warm zu kalt oder andersherum ausgelöst. Schmerzen in Fabry-Krisen werden von den Betroffenen oft als unangenehm brennend beschrieben. Sie beginnen an Fingern und Zehen und gehen in Hände und Füße sowie Arme und Beine über. Von dort strahlen sie auch in andere Bereiche des Körpers aus. Sehr häufig werden diese Symptome fehlinterpretiert und beispielsweise falsch als rheumatische Erkrankung oder Raynaud-Syndrom gedeutet.

Chronische Fabry-Schmerzen

Der chronische Schmerzverlauf geht mit meist prickelnden, kribbelnden und/oder brennenden Missempfindungen einher.

Im Jugend- und Erwachsenenalter lassen die Schmerzen oft nach. Dadurch wird Morbus Fabry nicht selten als endlich überstandener Wachstumsschmerz abgetan.

Frühsymptome von Morbus Fabry

Weitere charakteristische Frühsymptome des Fabry-Syndroms sind Hornhauttrübungen, erhabene Hautveränderungen (sogenannte Angiokeratome), vermindertes bis ausbleibendes Schwitzen (Hypohidrose/Anhidrose) sowie Magen-Darm-Beschwerden.

Hornhauttrübung (Vortexkeratopathie): Das wichtigste Frühsymptom bei klassischem Morbus Fabry ist eine Hornhauttrübung, die bei fast allen klassischen Fabry-Patienten an beiden Augen zu finden ist. Bei einer einfachen Spaltlampenuntersuchung fallen wirbelförmige milchig-weiße Muster auf, die auf Ablagerungen von Globotriaosylceramid (Gb3) zurückzuführen sind. Trotz Trübung bleiben Sehfähigkeit und Sehstärke bei den meisten Betroffenen erhalten. Nur sehr selten kann ein leichter Blaustich die Sehleistung beeinträchtigen.

Angiokeratome gehören ebenfalls zu den Frühsymptomen von klassischem Morbus Fabry. Dabei handelt es sich um gutartige, leicht erhabene, rot bis violette Hautveränderungen. Typischerweise treten sie im Bereich von Bauchnabel, Gesäß, Leistenregion und Oberschenkeln auf. Zuweilen finden sich diese Haut-Erhabenheiten auch an Schleimhäuten von Mund und After. Angiokeratome sind kleine Gefäßtumoren (Angiome), die durch Gefäßschäden und Gefäßerweiterungen infolge von nicht abgebauten Gb3 entstehen. Sie können einzeln und in Gruppen auftreten. Typischerweise mehren und vergrößern sich Angiokeratome mit zunehmendem Alter. Nicht selten werden diese Hautveränderungen dann als Akne fehlinterpretiert.

Hypohidrose/Anhidrose: Unter Anhidrose verstehen Mediziner das Unvermögen, Schweiß abzusondern. Bei der Hypohidrose ist die Fähigkeit zu Schwitzen stark eingeschränkt. Die Schweißabsonderung wird vom sogenannten vegetativen Nervensystem (VNS) gesteuert. Bei Morbus Fabry sammeln sich nicht abgebaute Fettmoleküle in den Nervenzellen des VNS an und verhindern so die Sekretion von Schweiß. Fabry-Betroffene sind dann häufig nicht oder nur unzureichend in der Lage zu schwitzen. Große Wärme/Hitze (beispielsweise im Sommer oder in der Sauna) ist kaum auszuhalten und sportliche Aktivitäten bzw. körperliche Anstrengungen sind nur noch im Mindestmaß möglich.

Magen-Darm-Beschwerden: Ein weiteres charakteristisches Früh-Symptom von Morbus Fabry sind Magen-Darm-Beschwerden. Sie entstehen, weil sich Gb3 in Nervenzellkörpern und Blutgefäßen des Magen-Darm-Trakts ansammelt. Magen-Darm-Beschwerden beginnen bereits im Kindesalter und bleiben auch bei erwachsenen Fabry-Patienten bestehen. Typischerweise leiden Betroffene an Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Nicht selten kommt es dadurch zu Appetitverlust und Gewichtsabnahme.

Spätsymptome von Morbus Fabry

Im weiteren Verlauf von Morbus Fabry beeinflussen die Gefäßablagerungen mehr und mehr Organe. So kommt es beim klassischen Krankheitsverlauf unbehandelt oft schon ab dem 20. Lebensjahr zu Nierenschädigungen mit eingeschränkter Ausscheidungs- und Filterfunktion. Zuweilen kann nur noch eine Nierenersatztherapie (Dialyse) den Tod durch Harnvergiftung (Urämie) verhindern.

Bei 40 bis 60 Prozent aller Patienten mit klassischem Morbus Fabry kommt es zu Herzschädigungen mit Herzrhythmusstörungen und Herzmuskelschwäche. Hinweisgebende Symptome dafür sind vor allem Atemnot (zunächst bei Belastung, später auch in Ruhe), zu schneller, langsamer oder stolpernder Herzschlag und Brustengebeschwerden (Angina pectoris) sowie Wasseransammlungen in den Beinen (Ödeme).

Funktionsstörungen des Gehirns sind ebenfalls typische Spätsymptome bei klassischem Morbus Fabry. Durchblutungsstörungen in den kleinsten Hirngefäßen führen zu teilweise schweren nervalen Ausfällen. Hinweisgebende Symptome für eine Beteiligung des zentralen Nervensystems sind Kopfschmerzen, Schwindel, Vergesslichkeit bis hin zu Demenz und sogar Schlaganfälle.

Weitere Spätschäden sind Störungen von Gehör (inkl. Taubheit) und Gleichgewicht, Atembeschwerden und Husten sowie Knochendichteveränderungen mit einem erhöhten Risiko für spontane Knochenbrüche.

Morbus Fabry beeinträchtigt die Lebensqualität sehr stark. Insbesondere Männer leiden an Depressionen und sozialer Isolation.

Atypisches Fabry-Syndrom

Beim atypischen Fabry-Syndrom fällt das Enzym α-Galaktosidase A nicht ganz aus, sondern arbeitet noch restständig. Daher treten die bereits genannten Symptome auch erst später auf als beim klassischen Fabry-Syndrom. Das atypische Fabry-Syndrom macht sich bei Männern oft erst nach dem Baby- und Kleinkindalter bemerkbar. Bei Frauen sogar noch später. Nicht selten entwickeln sich die ersten Symptome erst zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr.

Die Beschwerden beim atypischen Fabry-Syndrom sind meist weniger stark ausgeprägt. Mitunter ist der atypische Morbus Fabry auch nur auf ein Organ begrenzt.

Ursachen

Morbus Fabry ist eine erblich bedingte Stoffwechselstörung, die auf eine Mutation auf dem X-Chromosom zurückzuführen ist. Infolge reduzieren sich die Aktivität und Funktionsfähigkeit des Enzyms α-Galaktosidase A oder dessen Funktion wird ganz aufgehoben. Ohne α-Galaktosidase A kann das Stoffwechselprodukt Globotriaosylceramid (abgekürzt Gb3, andere Bezeichnung GL-3) in bestimmten Zellorganellen, den sogenannten Lysosomen, nicht mehr ausreichend abgebaut werden. Infolge reichert sich Gb3 in den Innenwänden von Blutgefäßen an und führt zu Durchblutungsstörungen und Funktionsverlusten von Organen.

Untersuchung

Die Diagnose Morbus Fabry wird häufig erst sehr spät und im fortgeschrittenen Stadium gestellt. Oftmals haben die Patienten eine Odyssee von Arztbesuchen und Fehldiagnosen hinter sich. Häufig leiten die vielfältigen Symptome in die Irre.

Steht einmal der Verdacht auf Fabry-Syndrom, bestätigen Laboruntersuchungen und molekulargenetische Tests die Diagnose. Zuweilen werden auch Gewebeproben (Biopsie) untersucht. Ein stark erniedrigter Aktivitätsspiegel des Enzyms α-Galaktosidase A im Blut von Männern spricht sehr wahrscheinlich für Morbus Fabry. Bei Frauen ist die Blutuntersuchung nicht sicher genug. Hier muss im Blut gezielt nach dem veränderten Gen gefahndet werden.

Zuweilen wird Morbus Fabry zufällig von einem Augenarzt entdeckt. Als charakteristisches Frühsymptom gilt eine Hornhauttrübung, die mittels einer Spaltlampenuntersuchung diagnostiziert werden kann.

Behandlung

Morbus Fabry ist nicht heilbar. Seit 2001 gibt es aber die Möglichkeit einer Enzymersatztherapie (ERT). Je früher die Patienten das fehlende Enzym α-Galaktosidase A erhalten, umso geringer sind die Komplikationen und desto besser die Prognose. Die Enzymersatztherapie wird bei Morbus Fabry lebenslang als Infusion verabreicht.

Enzymersatztherapie mit Agalsidase alfa oder Agalsidase beta

In Deutschland sind zwei Arzneimittel zur ERT bei Morbus Fabry verfügbar: Replagal mit dem Wirkstoff Agalsidase alfa von Shire Pharmaceuticals und Fabrazyme mit dem Wirkstoff Agalsidase beta von Genzyme Corporation. Bei beiden Wirkstoffen handelt es sich um gleichwertige, biotechnologische hergestellte Varianten des Enzyms α-Galaktosidase A.

Symptomatische medikamentöse Therapie

Als Begleittherapie gegen schmerzhafte Missempfindungen wird häufig Carbamazepin, auch in Kombination mit Pregabalin, verabreicht. Mitunter sind auch opioide Schmerzmittel wie Tilidin, Tramadol oder Oxycodon notwendig, um unerträgliche Schmerzen zu lindern. Gegen Magen-Darm-Beschwerden kommen Wirkstoffe wie Metoclopramid oder Dimenhydrinat zum Einsatz.

Um das Fortschreiten einer Nierenschädigung zu verhindern können Blutdrucksenker aus der Gruppe der ACE-Hemmer oder AT1-Rezeptorantagonisten gegeben werden. Zudem helfen ACE-Hemmer wie Enalapril und Ramipril bei Herzschwäche und erhöhtem Blutdruck. Betablocker wie Metoprolol und Bisoprolol oder Calciumantagonisten wie Verapamil und Diltiazem senken eine zu rasche Herzschlagfolge.

Gefäßprothesen und Bypass

Bei stark ausgeprägten Gefäßschäden sind mitunter Gefäßprothesen und Gefäßersatztherapien wie Stents oder Bypassoperationen notwendig. Bei ausgeprägter Nierenfunktionsschwäche sind Blutwäsche-Verfahren (Dialyse) Mittel der letzten Wahl.

Prognose

Die Prognose von Morbus Fabry richtet sich nach dem Beginn der Therapie bzw. ob überhaupt eine Therapie eingeleitet wird. Unbehandelt liegt die Lebenserwartung von männlichen Fabry-Patienten bei etwa 50 Jahren, Frauen werden immerhin noch etwa 70. Zur allgemeinen Sterberate bei Morbus Fabry gibt es keine verlässlichen Angaben.

Vorbeugung

Wirksame Vorbeugemaßnahmen gegen Morbus Fabry sind derzeit nicht bekannt.

Familienangehörige von Patienten mit Morbus Fabry sollten ebenfalls auf diese Stoffwechselstörung getestet werden. Bei einer entsprechenden genetischen Veranlagung kann Morbus Fabry so schon vor dem Auftreten erster Symptome erkannt und therapiert werden. Zu empfehlen ist eine genetische Beratung von Fabry-Patienten in der Familienplanungsphase.

Autor: Christian Kretschmer

Stand: 12.10.2017

Quelle:

shire, dgn

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