Morbus Addison

Morbus Addison zählt zu den Nebennierenrindeninsuffizienzen. Die Nebennieren sind die wichtigste Produktionsstätte für Hormone wie Adrenalin im Nebennierenmark und Cortisol oder Aldosteron in der Nebennierenrinde. Ohne diese Botenstoffe droht Lebensgefahr.

Synonyme

Nebennierenrindeninsuffizienz, Nebennierenrindenschwäche, Addison-Krankheit, Bronzekrankheit, Bronzehautkrankheit, Nebennierenrindenunterfunktion

Definition

Nieren und Nebennieren

Morbus Addison ist eine schwere Erkrankung der Nebennieren. Da die Symptome von Nebennierenrindenschwäche und Morbus Addison weitegehend ähnlich sind, werden die Begriffe mitunter synonym verwendet. Aus medizinischer Sicht ist Morbus Addison aber nur eine Form der der Nebennierenrindeninsuffizienz.

Bei Morbus Addison verlieren die Nebennierenrinden ihre Fähigkeit, wichtige Hormone zu bilden. Das sind vor allem Cortisol, Aldosteron und Sexualhormone (Androgene). Ohne diese Botenstoffe gerät das das fein abgestimmte Regelsystem des Stoffwechsels durcheinander. Normalerweise entwickelt sich der Mangel an Nebennierenrindenhormonen schleichend. Die Symptome von Morbus Addison sind daher zunächst unspezifisch.

Morbus Addison kann langsam fortschreiten, muss es aber nicht: Bei einem schnell einsetzenden Hormonmangel kommt es zur lebensgefährlichen Addison-Krise.

Funktion der Nebennierenrinde und ihrer Hormone

Die Nebennieren sind eine der wichtigsten Produktionsstätten für Hormone. Hormone sind Botenstoffe. Sie werden auch als Neurotransmitter bezeichnet, weil sie dem Austausch von Informationen im Organismus dienen.

Die Nebennieren selbst unterteilen sich in das Nebennierenmark und die Nebennierenrinde. Im Mark werden vor allem die Neurotransmitter Adrenalin und Noradrenalin produziert. Die Nebennierenrinde ist die wichtigste Produktionsstätte für 3 lebenswichtige Hormongruppen. Die Rinde selbst in drei Schichten unterteilt, die jeweils entweder Glukokortikoide, Mineralokortikoide und Sexualhormone produzieren. Die wichtigsten Vertreter dieser Gruppe sind:

  1. Kortisol kennen viele Menschen als Stresshormon. Dieser Neurotransmitter ist aber nicht nur daran beteiligt, die Stressreaktion zu aktivieren. Kortisol hat eine Vielzahl von weiteren Funktionen. Es ist wesentlich an der Energiegewinnung aus Zucker, Eiweiß und Fett beteiligt. Darüber hinaus hat Kortisol entzündungshemmende Eigenschaften. Indirekt hat es beispielsweise auch Einfluss auf die Insulinproduktion. Kortisol zählt zu den körpereigenen Glukokortikoiden.
  2. Aldosteron ist ein Neurotransmitter aus der Gruppe der Mineralkortikoide, der ausschließlich in der Nebennierenrinde gebildet wird. Dieses Hormon spielt eine zentrale Rolle in der Regulierung des Kalium- und Natriumhaushaltes. Es hat damit starke Auswirkungen auf den Flüssigkeitshaushalt und den Blutdruck, aber auch auf die Erregung von Nervenzellen (unter anderem am Herzen).
  3. Dehydroepiandrosteron (DHEA) ist ein in der Nebennierenrinde gebildeter Vorläufer des männlichen Sexualhormons Testosteron.

Steuerung der Hormonproduktion im Gehirn

Die Hormonproduktion der Nebennieren wird hauptsächlich vom Gehirn gesteuert. Die Zentrale bilden der Hypothalamus und die Hypophyse (Hirnanhangsdrüse). Sie verarbeiten die durch die Nebennierenhormone übermittelten Informationen und reagieren auf diese Impulse. Dazu setzt das Gehirn eigene Botenstoffe ein. In diesem Fall sind das vor allem die Hormone CRH und ACTH.

CRH steht für Corticotropin-Releasing-Hormon. Es regt die Hypophyse an, Adrenocortikotropes Hormon (ACTH) zu bilden. Die Produktion der Mineralkortikoide unterliegt zudem einen weiteren Regelkreislauf, dem Renin-Angiotensin-Systems.

Häufigkeit

Morbus Addison ist eine seltene Erkrankung. Pro Jahr und 100.000 Einwohnern kommt es in Deutschland zu 5 Neuerkrankungen (Jahresinzidenz). Die Häufigkeit (Prävalenz) liegt bei 11 Erkrankten pro 100.000 Einwohner. Demnach leben in Deutschland gegenwärtig etwa 9.000 Menschen mit einer Nebennierenrindeninsuffizienz vom Addison-Typ.

Symptome

Die ersten Symptome von Nebennierenrindeninsuffizienz sind fast immer sehr unspezifisch. Müdigkeit und nachlassende Leistungsfähigkeit werden nicht selten über viele Jahre als Folge von Überlastung oder alterungsbedingte Beschwerden fehlgedeutet.

Die offenkundigen Symptome der Nebennierenrindeninsuffizienz setzen erst ein, wenn die Nebennierenrinde nahezu vollständig – und unrettbar - zerstört ist. Das erste charakteristische Krankheitszeichen von Morbus Addison ist eine auffällige Braunfärbung der Haut und der Mundschleimhaut, die aber erst relativ spät auftritt.

Gemeinsame Symptome von Morbus Addison und anderen Nebennierenrindeninsuffizienzen sind:

  • auffällig niedriger Blutdruck
  • ausgeprägter Salzhunger
  • zunehmende Leistungsschwäche und Müdigkeit
  • ungewollte Gewichtsabnahme und Appetitlosigkeit
  • Unterzuckerungen
  • Magen-Darm-Beschwerden wie Verstopfung, Übelkeit, Erbrechen oder Bauchschmerzen.
  • Ausfall der Schambehaarung bei Frauen
  • Potenzprobleme bei Männern
  • Stimmungsschwankungen
  • Apathie, depressive Verstimmungen und Depressionen
  • Gedeih- und Wachstumsstörungen bei Neugeborenen und Säuglingen.

Komplikationen: Symptome der Addison-Krise

Ein schnell einsetzender starker Mangel an Nebennierenrindenhormonen löst die sogenannte Addison-Krise aus. Typische Symptome der Addison-Krise sind:

  • rapider Blutdruckabfall bis hin zu Kreislaufzusammenbruch und Schock
  • starke Unterzuckerung (Hypoglykämie)
  • schnell fortschreitende Austrocknung durch vermehrte Flüssigkeitsausscheidung
  • starke Bauchschmerzen
  • Fieber.

Die Addison-Krise ist ein lebensbedrohlicher Notfall, der umgehend intensivmedizinisch behandelt werden muss.

Ursachen

Mediziner unterscheiden nach der Ursache primäre, sekundäre und tertiäre Form der Nebennierenrindenschwäche.

Ursachen primärer Nebennierenrindeninsuffizienzen

Wenn die Nebennierenrinde selbst ausfällt, wird das primäre Nebennierenrindeninsuffizienz genannt. Morbus Addison ist mit einem Anteil von 75 Prozent die häufigste der primären Formen.

Die häufigste Ursache (75 Prozent) für die Zerstörung des Nebennierenrindengewebes sind Fehlreaktionen des Immunsystems. Dabei zerstören Zellen der körpereigenen Abwehr die Nebennieren. Warum es zu diesen autoimmunologischen Angriffen kommt, ist bislang nicht geklärt.

Die zweithäufigste Ursache (bis 20 Prozent) von primären Nebennierenrindeninsuffizienzen bzw. Morbus Addison sind Infektionen. Hier sind insbesondere HIV-Viren, das Zytomegalievirus und die Pilzinfektion Histoplasmose zu nennen. Schwere bakterielle Blutvergiftungen (Sepsis) können einen Nebenniereninfarkt verursachen (Waterhouse-Friderichsen-Syndrom).

Seltene Ursachen primärer Nebennierenrindeninsuffizienzen

Seltene Ursachen primärer Nebennierenrindeninsuffizienzen sind Krebserkrankungen der Nebenniere oder die angeborene adrenale Hypoplasie. Adrenale Hypoplasie tritt vor allem bei neugeborenen Jungen auf und verursacht schon in den ersten Lebensmonaten schwere Symptome des Nebennierenrindenhormonmangels. Sehr selten verursacht die langjährige Einnahme von gerinnungshemmenden Medikamenten Einblutungen in die Nebennieren, die das Organ absterben lassen.

Ursachen sekundärer und tertiärer Nebennierenrindeninsuffizienzen

Sekundäre Nebennierenrindeninsuffizienzen haben ihren Ursprung im Gehirn. Sie entstehen, wenn die Hypophyse verletzt bzw. beeinträchtigt werden. Das kann beispielsweise bei Schlaganfällen oder Hirntumoren sowie Schädelverletzungen oder nach Gehirnoperationen der Fall sein.

Tertiäre Nebennierenrindeninsuffizienzen sind durch den Hypothalamus bedingt. Das ist die übergeordnete Hormon-produzierende Instanz oberhalb der Hirnanhangsdrüse. Eine tertiäre Nebennierenrindeninsuffizienz kann auch durch die langfristige Einnahme von hohen Dosen an Glukokortikoiden verursacht werden. Dadurch wird nämlich die CRH-Produktion im Hypothalamus unterdrückt.

Ursachen der Addison-Krise

Zu Addison-Krisen kommt es in der Regel nur, wenn die Nebennieren und/oder die Nebennierenrinden bereits schwer geschädigt sind. Wenn es dann durch Verletzungen oder Stress zu stark erhöhten Adrenalin-, Aldosteron- und Kortisolwerten kommt, kann der ganze Regelkreis der organeigenen und übergeordneten Hormonproduktion entgleisen.
Eine weitere Ursache der Addison-Krise ist das abrupte Absetzen einer langfristigen und hoch dosierten Kortisoltherapie. Deshalb sollte diese immer ausgeschlichen werden. Anderenfalls muss in bestimmten Situationen wie Operationen Cortisol von außen zugeführt werden, um einer Addison-Krise vorzubeugen.

Untersuchung

Die Diagnose von Morbus Addison bzw. Nebennierenrindeninsuffizienz wird in aller Regel erst sehr spät gestellt, da die Frühsymptome unspezifisch sind. Bei einem begründeten Verdacht erfolgt die weitere Diagnose bei einem Facharzt (Endokrinologen).

Zu den Untersuchungsverfahren zählen vor allem Untersuchungen von Blut und Urin. Hormonspiegel des Cortisols und Aldosterons aus der Nebennierenrinde und des ACTHs der Hypophyse. Im Blut lassen sich beispielsweise erhöhte Konzentrationen der Neurotransmitter Cortisol und ACTH nachweisen. Da die Cortisolkonzentration im Laufe des Tages schwankt, zählt in der Regel eine 24-Stunden-Verlaufskontrolle des Urins zu den weiteren diagnostischen Verfahren. Zudem werden die Natrium- und Kaliumwerte überwacht.

Mit einem ACTH-Stimulationstest wird die Funktionsfähigkeit der Nebennierenrinde getestet. Bei diesem Test erhalten die Patienten eine Injektion des Hypophysenhormons ACTH. Bei gesunden Menschen wird die Nebennierenrinde mit einer erhöhten Cortisolfreisetzung reagieren. Bleibt diese Reaktion aus, ist das ein ernster Hinweis auf eine weitgehende Zerstörung des Organs.

Weiteren Aufschluss über den Zustand der Nebennieren geben bildgebende Verfahren wie Ultraschalluntersuchungen, Röntgen- und Computer- und Magnetresonanztomografien.
Autoimmunologische Ursachen von Morbus Addison lassen sich auch durch einen Antikörpertest nachweisen.

Behandlung

Primäre und sekundäre Formen der Nebennierenrindeninsuffizienz sind nicht heilbar. Sie lassen sich aber durch eine Hormonersatzbehandlung (Substitutionstherapie) gut und sicher behandeln.

Die Therapie erfolgt in der Regel durch die Einnahme von Hydrocortison zum Ausgleich des Kortisolmangels in Kombination mit Fludrocortison zum Ausgleich des fehlenden Aldosterons. Hydrocortison gehört zu den künstlichen Glukokortikoiden, die in der Umgangssprache auch als Kortikoide oder Kortison bezeichnet werden. Fludrocortison gehört zur Wirkstoffgruppe der synthetischen Mineralkortikoide.

Zu den Besonderheiten der medikamentösen Therapie von Morbus Addison und anderen Nebennierenrindeninsuffizienzen gehört, dass die Dosis der Wirkstoffe stets auf die Stressbelastung der Betroffenen angepasst werden muss. Denn ein durch Stress erhöhter Adrenalinspiegel erfordert eine verstärkte Gegenreaktion durch die Hormone aus der Nebennierenrinde.

Prognose

Menschen mit Nebennierenrindeninsuffizienzen haben eine normale Lebenserwartung, wenn die Erkrankung rechtzeitig erkannt wird und die Medikamente zuverlässig eingenommen werden.

Mangelnde Therapietreue und schlechte Anpassungen der Dosis an Stresssituationen erhöhen das Risiko für Komplikationen wie eine Addison-Krise. Ohne Therapie verlaufen sowohl Nebennierenrindeninsuffizienzen wie Addison-Krise tödlich.

Vorbeugung

Eine gezielte Vorbeugung von Nebennierenrindeninsuffizienzen wie Morbus Addison ist nicht möglich.

Autor: Charly Kahle

Stand: 04.04.2018

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