Manie

Was ist eine Manie? Wie lässt sich den Betroffenen helfen? Wie den Menschen im Umfeld? Was sind Symptome und Ursachen?

Definition

Schreiender Mann

Die Krankheitsbezeichnung Manie leitet sich von dem altgriechischen Begriff „Mania“ für Raserei oder Wahnsinn ab. Manien zählen zu den affektiven Störungen, sind also krankhafte Veränderungen des Gefühlslebens. Charakteristisch für Manien sind extreme Hochgefühle mit einem stark übersteigerten Selbstwertgefühl. Manische Personen wirken oft, als hätten sie euphorisierende Drogen genommen.

Zu den typischen Symptomen der Manie gehört auch, dass die Betroffenen während einer manischen Phase keinerlei Einsichtsfähigkeit haben. Sie halten sich nicht für krank. Das macht den Umgang mit manischen Menschen für das enge private Umfeld besonders schwer. Außenstehende müssen meist hilflos zusehen, wie sich manische Menschen in ihrem Hochgefühl immer wieder in sehr riskante und zerstörerische Verhaltensweisen begeben (siehe Symptome).

Affektive Störungen verlaufen in aller Regel in Schüben. Das gilt auch für Manien. Manische Phasen dauern meist einige Wochen. Am häufigsten sind Manien im Rahmen einer bipolaren Störung. Bei dieser affektiven Störung folgt auf die manische Phase eine Depression.

Die Ursachen von Manien sind weitgehend unbekannt. Vor allem scheinen genetisch bedingte Neigungen eine wichtige Rolle zu spielen. Eine kausale Therapie von Manien ist nicht möglich. Bei einem akuten manischen Schub sind die Therapieoptionen sehr begrenzt. In der Zeit zwischen den Schüben öffnet sich hingegen ein Fenster für langfristige angelegte Behandlungskonzepte. Mit einer Kombination von Verhaltenstherapie und medikamentöser Behandlung lässt sich das Risiko für erneute manische Schübe deutlich senken. Die medikamentöse Therapie und Vorbeugung setzt dabei vor allem auf Lithiumpräparate.

Hypomanie

Die Symptome der Hypomanie ähneln denen der Manie. Allerdings sind sie deutlich geringer ausgeprägt. Wenn auf die Hochgefühl-Phasen eine depressive Verstimmung oder depressive Episode folgt, werden Hypomanien auch als bipolare Störung Typ 2 bezeichnet. Nur sehr selten sind Hypomanien eine Vorstufe von Manie oder bipolarer Störung.

Menschen mit Hypomanie sind meist sehr gut in der Lage, ihren Alltag zu bewältigen. Insofern sind Hypomanien oft nicht therapiebedürftig. Die ausgeprägten Stimmungsschwankungen führen mitunter aber zu Konflikten, beispielsweise am Arbeitsplatz, in der Schule oder in Familie und Partnerschaft. In diesen Fällen haben sich verhaltenstherapeutische Beratungen als sehr sinnoll erwiesen.

Häufigkeit

Affektive Störungen sind häufig. Mit etwa 60 Prozent haben Depressionen den mit Abstand größten Anteil an den Affektstörungen. Im Laufe des Lebens (Lebenszeitprävalenz) erleben etwa 20 Prozent der Menschen in Deutschland eine depressive Episode.

Manien treten vor allem im Rahmen der bipolaren Störung auf. Sie machen gut ein Drittel der affektiven Störungen aus. Reine Manien sind mit einem Anteil von 5 Prozent dagegen recht selten. Die Lebenszeitprävalenz beträgt damit 1 Prozent.

Am häufigsten sind Manien bei jungen Menschen zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. Aber auch Jugendliche und Kinder können betroffen sein. Wenn Manien bei Kindern unter 10 Jahren erstmals auftreten, ist die Prognose überdurchschnittlich ungünstig.

Symptome

Hauptsymptom der Manie ist ein stark übersteigertes und unbegründetes Hochgefühl. Manische Menschen erleben die Tage und Wochen (selten sogar Monate) eines akuten Schubes als anhaltende Euphorie mit einem unbegrenzten Selbstwertgefühl. Alles scheint möglich, es gibt keine Grenzen. Dabei blenden die Betroffenen Risiken und Konsequenzen ihres Verhaltens komplett aus.

Verblüffenderweise lassen sich viele Menschen von dieser Euphorie blenden. Manische Personen können überaus überzeugend sein. Beispielsweise geschieht es, dass sie – völlig mittellos - einen Sportwagen kaufen oder Investoren davon überzeugen, in ein großes Projekt zu investieren. Nicht selten schließen manische Personen Verträge ab, die sie nie erfüllen und deren finanzielle Konsequenzen sie – und ihr Umfeld - durchaus ruinieren können. Gegen Einwände sind die Betroffenen immun. Sie verstehen auch nicht, dass sie krank sind. Menschen mit Manie sind energiegeladen, sprühen vor Ideen und springen rasend schnell von einem Gedanken oder Vorhaben zum nächsten.

Im Umgang mit anderen Menschen sind Maniker meist völlig distanzlos. Sie kennen kein Nein und lassen sich nicht abweisen. Manische Patienten sind auffallend gesprächig (auch Fremden gegenüber) und schließen unverzüglich und wahllos Freundschaften. Auf die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen gehen sie dabei aber nicht ein. Zudem ist ihr Streitverhalten stark ausgeprägt. In Kombination mit der verminderten Wahrnehmung für die Risiken oder Gefahren ihres Verhaltens geraten sie nicht selten in heftige – auch körperliche – Konflikte.

Zu den weiteren Symptomen der Manie zählt sehr oft ein stark enthemmtes Sexualverhalten. Männer wie Frauen mit Manie suchen wahllos sexuelle Begegnungen. Das Schlafbedürfnis in einer manischen Phase ist nur sehr gering ausgeprägt. Essen und Trinken sowie Körperpflege finden in der Euphorie sehr oft kaum Beachtung.

Wahnvorstellungen mit Realitätsverlust zählen ebenfalls zu den Symptomen einer Manie, sind aber nicht zwingend. Typisch sind ferner ausgeprägte Wachträume und eine stark intensivierte Wahrnehmung von Farben, Gerüchen und Geschmack.

Suizidgefahr

Die maßlose Selbstüberschätzung und die verminderte Gefahrenwahrnehmung bei Manie bergen erhebliche Suizidgefahr. Die Allmachtsfantasien lassen die Betroffenen beispielsweise glauben, sie könnten fliegen – und springen von einer Klippe oder einem Hausdach. Im Straßenverkehr lassen sie sich auf riskanteste Fahrmanöver ein. Die Selbstüberschätzung geht mitunter so weit, dass Maniker sich Macht über Leben und Tod zusprechen. Dann kann es geschehen, dass sie einen Suizidversuch unternehmen – in der festen Überzeugung, nicht wirklich sterben zu können.

Das selbstgefährdende Verhalten ist der häufigste Grund für die Einweisung von manischen Patienten in geschlossene psychiatrische Einrichtungen.

Ursachen

Wie bei allen anderen psychischen Erkrankungen geht man davon aus, dass ein krankhaftes Ungleichgewicht der Neurotransmitter im Gehirn die veränderte Wahrnehmung und die hyperaktive Erregung verursachen. Bei Manien sind vor allem die Konzentrationen von Dopamin und Noradrenalin erhöht.

Das Risiko für Manien wird offenbar vererbt. Die Kinder von Eltern mit Manien sind etwa 10 Mal so oft von der Erkrankung betroffen wie die Kinder gesunder Eltern. Man hat inzwischen auch einzelne Gene identifiziert, die Manien allem Anschein nach begünstigen können. Wie das geschieht und unter welchen Umständen diese Gene akute Schübe auslösen, ist aber nicht geklärt.

Untersuchung

Die besten Ansprechpartner für die Diagnose von Manien sind erfahrene Neurologen oder Psychiater bzw. Psychologen. Das größte Hindernis für die Diagnose besteht darin, dass die Betroffenen sich während eines akuten Schubes nicht krank fühlen – und daher nicht zum Arzt oder Psychologen gehen. Nach der Hochphase leiden Maniker häufig unter ausgeprägten Schuld- und Schamgefühlen. Aber auch das führt nur selten zu einem Behandlungsversuch. Entweder ist die Krankheitseinsicht in diesen Phasen nur gering ausgeprägt oder Betroffene schämen sich zu sehr und verweigern deshalb therapeutische Hilfe.

Manien drücken sich sehr individuell aus. Insbesondere die ersten Schübe verlaufen häufig mild und sind nicht leicht von nicht krankhaften Hochgefühlen zu unterscheiden. Nicht selten vergehen 10 Jahre oder mehr, bis die Diagnose Manie zuverlässig gestellt ist.

Behandlung

Die Therapie von Manien untergliedert sich in die Akutbehandlung von euphorischen Schüben und die Therapie zur Rückfallvorbeugung.

Akutbehandlung von Manien

Die Akutbehandlung von Manien erfolgt medikamentös, meist im Rahmen einer stationären Behandlung, nicht selten nach einer Zwangseinweisung wegen selbstgefährdenden Verhaltens. Typischerweise werden zentral dämpfende Neuroleptika wie Zuclopenthixol und Antikonvulsiva wie Carbamazepin und Valproinsäure eingesetzt. Sie werden häufig mit Beruhigungsmitteln wie Nitrazepam und Flurazepam kombiniert.

Langfristtherapie von Manien

Die langfristige Behandlung von Manien zielt vor allem darauf, Rückfälle zu vermeiden. In der medikamentösen Rückfallprophylaxe haben sich Lithiumsalze, Carbamazepin, Lamotrigin und Valproat bewährt. Die Wirkung ist aber nur zuverlässig, wenn Präparate regelmäßig und konsequent nach Verordnung angewendet werden. Daher ist Therapietreue ein wichtiges Thema der psychotherapeutischen Behandlung von Manien. Daneben erlernen die Betroffenen, meist im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie, einen besseren Umgang mit ihrer Erkrankung. Dazu gehört beispielsweise, Warnzeichen zu erkennen, die auf einen erneuten manischen Schub hinweisen könnten. Um diesen Stressoren zu begegnen, werden entsprechende Verhaltensweisen eingeübt.

Prognose

Manien lassen sich nicht endgültig heilen. Ohne Behandlung verlaufen sie chronisch. Nach einem ersten Schub kommt es in 95 Prozent der Fälle zu einer zweiten Episode. Eine besonders schlechte Prognose haben Kinder, bei denen die erste manische Episode noch vor dem 10. Lebensjahr auftritt.

Geeignete medikamentöse und psychologische Therapien ermöglichen aber bei entsprechender Compliance ein beschwerdefreies Leben ohne weitere Einbußen an Lebensqualität. Laut Studien ist die Lebenserwartung bei Menschen mit Manie allerdings um 1 bis 2 Prozent verkürzt.

Die verkürzte Lebenserwartung hängt möglicherweise auch damit zusammen, dass Menschen mit Manien häufig im alltäglichen Leben vor einer ganzen Reihe von Problemen stehen. Das sind beispielsweise zerbrochene Partnerschaften und Freundschaften, Arbeitsplatzverlust oder Schulden. Da Manien im Durchschnitt erst nach 10 Jahren erkannt und behandelt werden, haben sich diese und andere Probleme häufig zu einer großen Belastung summiert. Zudem sind bipolare Störungen und Manien häufig von Drogenmissbrauch oder Drogenabhängigkeit (Alkohol und/oder illegale Drogen) begleitet.

Vorbeugung

Eine Vorbeugung von Manien ist vor dem ersten Auftreten theoretisch möglich, aber nicht sinnvoll. Das gilt auch für die Risikogruppe derer, bei denen Manien bei Verwandten 1. Grades aufgetreten sind. Denn niemand kann sicher sagen, ob es tatsächlich zu einer Manie kommen wird. Insofern ist die vorbeugende Gabe von Lithium aus ethischer Sicht nicht vertretbar.

Autor: Charly Kahle

Stand: 14.09.2017

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