Synonyme

Hodenstieldrehung, Hodendrehung, Hodenverdrehung

Definition

Schmerzen durch Hodenverdrehung

Als Hodentorsion bezeichnen Mediziner eine Hodenverdrehung. Andere Bezeichnungen lauten Hodendrehung oder Hodenstielverdrehung. Vereinfacht ausgedrückt verwickeln sich die Hoden und Nebenhoden bei einer Hodentorsion um den Samenstrang und die versorgenden Blutgefäße. Dabei werden Samenleiter und Blutgefäße mitunter abgeschnürt.

Eine Hodendrehung ist in den meisten Fällen sehr schmerzhaft und schon daher ein medizinischer Notfall. Aber es gibt noch einen triftigeren Grund für eine schnelle Therapie. Das Abschnüren der Blutgefäße kann schlimmstenfalls dazu führen, dass beide Hoden innerhalb von wenigen Stunden absterben. Zeugungsunfähigkeit wäre die Folge.

Hodentorsionen lassen sich in günstigen Fällen einfach behandeln, indem die Hoden von außen „entknotet“ werden. Bei komplizierteren Hodendrehungen ist ein operativer Eingriff notwendig. Die Heilungsaussichten gelten als sehr gut, wenn die Behandlung früh genug beginnt.

Wichtigste Ursache von Hodentorsionen sind Fehlbildungen der Hoden bzw. der Hodenhülle, die den Hoden zu viel Bewegungsspielraum lassen. Mediziner unterscheiden vor allem zwei Formen der Hodentorsion:

  1. Die extravaginale bzw. supravaginale Hodentorsion tritt vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern bis zum 2. Lebensjahr auf. Extravaginal heißen diese Hodendrehungen, weil sich die Hoden oberhalb der Hodenhülle verdrehen.
  2. Die intravaginale Hodentorsion kommt vor allem während der Pubertät bzw. bei Jugendlichen und Erwachsenen zwischen 15 und 20 Jahren vor. Hier verdrehen sich die Hoden innerhalb der Hodenhülle.

Zudem gibt es einseitige- und beidseitige Hodenverdrehungen mit unterschiedlichen Einschnürungen der Blutgefäße.

Eine Erkrankung von Neugeborenen, Kleinkindern und Jugendlichen mit ähnlichen Symptomen ist die sogenannte Hydatidentorsion. In diesem Fall verdrehen sich in den Hoden Reste von Gewebe, aus dem sich die männlichen Geschlechtsorgane entwickelten.

Häufigkeit

Hodentorsionen sind vergleichsweise selten. Auf 4.000 Männer unter 25 Jahren kommt eine Hodendrehung pro Jahr. Der Erkrankungsgipfel liegt in den ersten beiden Lebensjahren sowie wie während der Pubertät. Bei älteren Männern sind Hodendrehungen die Ausnahme.

Symptome

Gemeinsames Symptom von allen Hodentorsionen sind meist plötzlich einsetzende starke Schmerzen. Die Hälfte der Hodentorsionen tritt in der Nacht auf. Der rechte Hoden dreht sich in der Regel mit dem Uhrzeigersinn und der linke Hoden entgegengesetzt. Der rechte Hoden (40%) verdreht sich seltener als der linke Hoden (60%). Eine Hodentorsion kann einseitig aber auch beidseitig auftreten.

Betroffene Hoden sind überaus berührungsempfindlich. Schon der geringste Druck verstärkt die Schmerzen deutlich. Die Schmerzen strahlen häufig in den Bereich der Leisten und den Unterbauch aus. In der Regel schwellen die betroffenen Hoden schnell an und der Hodensack rötet sich. Der betroffene Hoden steht oft höher als gewöhnlich.

Schmerzen und Schwellung werden mitunter von Übelkeit, Erbrechen, Herzrasen oder sogar schockähnlichen (Schock) Symptomen begleitet.

Hodentorsionen bei Säuglingen

Bei Säuglingen kann eine Hodentorsion in seltenen Fällen auch schmerzarm und unerkannt sein. Das ist vor allem dann der Fall, wenn die Hodendrehung bereits vor der Geburt entstanden ist. Dennoch haben auch diese Kinder einen geröteten, verhärteten und verdickten Hoden, der Eltern, Klinikpflegepersonal und Kinderärzten auffällt. In aller Regel aber schreien betroffene Kinder bei einer Hodentorsion und sind durch nichts zu beruhigen.

Die weiteren Symptome von Hodentorsionen unterscheiden sich nach Art der Verdrehung.

Inkomplette Hodentorsionen

Bei einer inkompletten Torsion fließt weiterhin Blut über die Arterie in die Hoden. Durch die Einschnürung der Vene kann es aber kaum mehr abfließen. Das Blut staut sich im Hoden. Dadurch nehmen Schmerzen und Schwellung weiter schnell an Stärke zu. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass Hodengewebe abstirbt. Mediziner sprechen von hämorrhagischer Hodennekrose.

Komplette Hodentorsionen

Wenn auch der Blutzustrom über die Arterie abgeschnürt ist, liegt eine komplette Hodentorsion vor. Auch in diesem Fall ist das Hodengewebe schon nach kurzer Zeit stark gefährdet.

Ursachen

Hodentorsionen ereignen sich ausschließlich bei Jungen und Männern mit Fehlbildungen, die den Hoden bzw. den Hodenhüllen mehr Bewegungsraum lassen als bei gesunden Männern. Dabei können schon leichte Fehlbildungen das Risiko einer Hodentorsion stark erhöhen.

Eine der Ursachen für Hodentorsionen ist die vergrößerte Beweglichkeit der Hoden in der Hodenhülle. Üblicherweise verkleben die Hoden nach der Hodensenkung mit der Hodenhülle. Ist dieser Prozess gestört, können sich die Hoden innerhalb der Hodenhülle verdrehen (intravaginale Hodentorsion).

Eine weitere Entwicklungsstörung betrifft das untere Keimdrüsenband, das die Hoden nach der Geburt in den Hodensack ziehen und sie später als Bandapparat in ihrer Position halten soll. Erfüllt das Keimdrüsenband die absenkende Funktion nicht oder nicht vollständig, kommt es häufig zu einem Hodenhochstand. Dieser wiederum ist ein wichtiger Risikofaktor, der spätere Hodentorsionen begünstigt.

Die Hoden werden außerdem von einem Muskel gehalten, dem Musculus cremaster. Dieser Muskel ist unter anderem auch zuständig, die Hoden bei sexueller Erregung in den Bauchraum zu ziehen. Wenn der Ansatzpunkt dieses Muskels am Hoden nicht vollständig richtig liegt, können reflexartige Muskelzuckungen zu einer Hodentorsion führen.

Darüber hinaus können Operationen am Hodensack oder den Hoden die natürliche Anatomie verändern und Hodenverdrehungen so begünstigen.

Die meisten Hodentorsionen ereignen sich im Schlaf (50 Prozent). Häufig verdrehen sich die Hoden zudem beim Sport. Insbesondere Radfahren ist ein häufiger Auslöser.

Untersuchung

Die Diagnose von Hodentorsionen stützt sich vor allem auf die Schilderungen der Betroffenen, Sicht- und Tastuntersuchungen sowie Reflexprüfungen. Typischer Befund bei Hodendrehungen ist das Prehn-Zeichen. Trotz Anheben des Hodens bleiben die Schmerzen bestehen oder nehmen sogar zu. Würden sie nachlassen, wäre das ein Hinweis auf eine Nebenhodenentzündung, die differenzialdiagnostisch immer von einer Hodentorsion abzugrenzen ist.

Ein weiteres Diagnosekriterium ist das Gersche-Merkmal, kurz Ger-Zeichen. Das Ger-Zeichen ist eine äußerlich erkennbare Einziehung am Boden des Hodensacks, die durch den leicht hochstehenden verdrehten Hoden verursacht wird.

Auch das Tenkhoff-Zeichen kann die Diagnose Hodentorsion unterstützen. Dabei kommt es zu einer Art pergamentpapierartigem Knistern bei Berührung des Hodensacks. Es weist ebenfalls auf eine Hodenverdrehung hin. Zur Sicherung der Diagnose dient eine Ultraschalluntersuchung der Hoden. Während der Sonografie lassen sich Hodenverdrehungen fast immer sehr deutlich abbilden. Die beste Kenntnis haben dabei jedoch Fachärzte. Ansprechpartner bei Hodentorsionen sollte nach der rettungsdienstlichen Klinikeinweisung daher ein Urologe sein.

Weitere bildgebende Verfahren wie Hodenszintigrafie (spezielle Röntgenaufnahme mit Gabe eines radioaktiven Kontrastmittels) oder Magnetresonanztomografie sind nur in sehr seltenen Fällen notwendig.

Laboruntersuchungen des Blutes dienen vor allem dazu, Entzündungen als Ursache der Beschwerden auszuschließen.

Behandlung

Eine Hodenverdrehung ist immer ein rettungsmedizinischer Notfall. Hodentorsionen sollten innerhalb von 4 bis 6 Stunden behandelt werden. In den meisten Fällen erfolgt die Therapie operativ, oft sogar ohne die Diagnose durch bildgebende Verfahren abzusichern. Je früher der Eingriff stattfindet, umso besser sind die Chancen die Zeugungsfähigkeit bzw. den oder die Hoden zu erhalten.

Bei der Hoden-OP öffnet der Operateur den Hodensack und bringt die Hoden wieder in ihre ursprüngliche Position. Wenn die Blutversorgung der Hoden noch intakt ist, werden beide Hoden anschließend am Hodensack befestigt (Orchidopexie). Das verhindert neue Hodentorsionen mit einiger Wahrscheinlichkeit, schließt sie aber auch nicht aus.

Ist die Blutversorgung geschädigt oder der Hoden weitgehend abgestorben, wird der Hoden entfernt. Nur leicht geschädigte Hoden werden nicht entnommen, da sie sich in aller Regel wieder von selbst erholen. Bleibt ein Hoden erhalten, reicht die Hormonproduktion in der Regel noch aus, um die Zeugungsfähigkeit zu erhalten.

Nichtoperative Repositionierung der Hoden

In besonders günstigen Fällen ist es möglich, die Hoden ohne operativen Eingriff wieder in die richtige Position zu bringen. Da aber auch in diesen Fällen die Hoden sicherheitshalber am Hodensack befestigt werden sollten, wird die nichtoperative Repositionierung der Hoden immer mehr zur Ausnahme. Für die Patienten ist das zuweilen von Nachteil, weil der stark schmerzlindernde Effekt der Repositionierung so nicht mehr spürbar wird. Stattdessen erhalten sie Schmerzmittel.

Prognose

Der wichtigste Faktor für die vollständige Genesung von einer Hodentorsion ist die Zeit. Wird der Eingriff innerhalb von maximal 8 Stunden (für Säuglinge deutlich kürzer) nach Auftreten der ersten Symptome abgeschlossen, lassen sich die Hoden und die Zeugungskraft in der Regel erhalten. Bei bis zu 40 Prozent der Fälle bleibt die Zeugungsfähigkeit aber eingeschränkt.

Vorbeugung

Einer Hodentorsion lässt sich nur bedingt vorbeugen. Männern, die in der Kindheit einen Hodenhochstand hatten, können sich von einem Urologen untersuchen lassen. Prinzipiell wäre es möglich, bei typischen Fehlbildungen die Hoden sicherheitshalber mit dem Hodensack zu vernähen. Allerdings handelt es sich dabei um einen chirurgischen Eingriff unter Vollnarkose, dessen Risiken die einer Hodentorsion übertreffen könnten. Von daher wäre ein solcher Eingriff nach medizinischem Verständnis zumindest fragwürdig und in jedem Fall individuell abzuwägen.

Autor: Charly Kahle

Stand: 01.07.2017