Gehörlosigkeit

Gehörlosigkeit geht häufig zunächst mit einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität einher. Insbesondere bei Kindern ist eine frühe Diagnose daher wichtig, um eine entsprechende Therapie einzuleiten und Unterstützung bieten zu können. Alles Weitere zu den Symptomen, Ursachen, Diagnose-Verfahren und Therapiemaßnahmen lesen Sie im Ratgeber Gehörlosigkeit.

Synonyme

Taubheit

Definition

Kind mit Gehörlosigkeit

Mediziner sprechen von Gehörlosigkeit oder Taubheit, wenn ein Mensch Töne und Geräusche nur stark eingeschränkt oder gar nicht mehr hören kann. Gehörlos ist aus medizinischer Sicht, wer im Bereich zwischen 125 und 250 Hertz einen Hörverlust von mehr als 60 Dezibel (im übrigen Frequenzbereich von mehr als 100 Dezibel) aufweist. Ein gesundes Ohr kann Geräusche knapp über 0 Dezibel wahrnehmen. Ab etwa 120 Dezibel verursachen Geräusche Schmerzen.

Von der Gehörlosigkeit abzugrenzen ist die hochgradige Schwerhörigkeit mit einem mittleren Hörverlust zwischen 70 und 100 Dezibel sowie der einseitige Hörverlust bzw. die einseitige Taubheit (zum Beispiel bei Hörsturz).

Gehörlosigkeit bedeutet – vor allem wenn sie erst im Laufe des Lebens erworben wird – eine zunächst erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität. Wer aber einmal in einer Gehörlosen-Disco gewesen ist oder eine Diskussionsrunde in Gebärdensprache verfolgt, bekommt einen lebendigen Eindruck davon, dass Menschen auch mit Gehörlosigkeit gut leben können. Die Gewöhnung an die Gehörlosigkeit wird umso leichter, je früher sie erkannt wird. Von daher ist eine möglichst frühzeitige Diagnose von Hörproblemen so wichtig.

Häufigkeit

In Deutschland leben etwa 80.000 bis 100.000 gehörlose Menschen. Circa 16 Millionen Menschen sind schwerhörig.

Symptome

Bei den Symptomen der Gehörlosigkeit ist zwischen angeborener und erworbener Gehörlosigkeit zu unterscheiden.

Bei angeborener Gehörlosigkeit reagieren Säuglinge (etwa ab der 4. bis 6. Lebenswoche) nicht auf akustische Reize wie plötzliche, laute Geräusche. Auch drehen sie erst spät (ab dem 6. Lebensmonat) den Kopf in Richtung der Quelle plötzlicher Geräusche oder Stimmen. Ein anderes Symptom von angeborener Gehörlosigkeit: Die Kinder lautieren und sprechen sehr verzögert, eingeschränkt oder gar nicht.

Symptome bei später auftretendem Hörverlust sind in der Regel offensichtlich: Die Betroffenen können nicht mehr hören.

Formen von Gehörlosigkeit

Zwei wesentliche Formen der Gehörlosigkeit werden unterschieden:

  • prälinguale Gehörlosigkeit: Verlust des Gehörs im frühen Kindesalter, bevor das Sprechen erlernt wurde
  • postlinguale Gehörlosigkeit: Verlust des Gehörs nach dem Erlernen des Sprechens.

Ursachen

Etwa eines von 1000 Neugeborenen kommt bereits mit einer ausgeprägten Schwerhörigkeit oder Gehörlosigkeit zur Welt. Davon sind nur etwa 15 Prozent der Gehörlosigkeit ererbt. In den meisten Fällen wird eine Gehörlosigkeit im Mutterleib erworben. Dabei wird das Ohr des ungeborenen Babys (Fötus) durch besondere Umstände geschädigt, zum Beispiel durch Viruserkrankungen (wie Röteln oder Toxoplasmose) der Mutter, Medikamenteneinnahme in der Schwangerschaft (Antibiotika) oder aufgrund des Konsums von Alkohol und Nikotin. Während der Geburt können Sauerstoffmangel oder mechanische Geburtstraumen Gehörlosigkeit verursachen.

Gründe für einen späteren Hörverlust sind vor allem Gehirnhautentzündungen, Schädelbrüche, Virus-Infektionen wie Mumps oder Masern, chronische Mittelohrentzündungen oder auch Nebenwirkungen von Medikamenten. Gehörlosigkeit sollte so früh wie möglich erkannt werden. Darum gibt es in Deutschland seit einigen Jahren das Hörscreening für Neugeborene.

Untersuchung

Die Diagnose von Gehörlosigkeit gehört schon zu den Frühuntersuchungen bei Neugeborenen. Neben diesem Neugeborenenscreening sind Hörtests Bestandteil der allgemeinen Vorsorgeuntersuchungen im Kindesalter. Bei Verdacht auf eingeschränktes Hörvermögen werden Ohren und Gehör prinzipiell vom Kinderarzt untersucht. Bei entsprechendem Befund folgt die Überweisung zum Spezialisten (meist einem Arzt für Hals- Nasen- und Ohrenheilkunde).

Dieser wird untersuchen, wo genau der Hörschaden liegt. Dazu sind verschiedene Untersuchungen möglich:

  • objektiver Hörtest (BERA) zur Untersuchung des Hörnervs (gibt Auskunft über das direkte Hörvermögen)
  • Messung otoakustischer Emissionen (OAE), um geschädigte äußere Haarzellen des Innenohrs zu erkennen
  • Gleichgewichtsprüfung, um eine Mitbeteiligung des Gleichgewichtsorgans auszuschließen
  • Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT), um nachzuweisen, ob anatomische Veränderungen im Bereich der Hörschnecke (Cochlea) oder des Hörnervs vorliegen
  • Promontorialtest, um die Funktionsfähigkeit des Hörnervs zu überprüfen, wenn therapeutisch eine Innenohrprothese (sogenanntes Cochlea-Implantat) vorgesehen ist
  • neurologische Untersuchungen, um andere Ursachen für die Symptome von Gehörlosigkeit auszuschließen (wie Wahrnehmungsstörungen oder Intelligenzminderung).

Behandlung

Je nach Ursache und Ausmaß der Gehörlosigkeit gibt es unterschiedliche Therapien. Ist der Hörnerv noch intakt, besteht die Möglichkeit, eine „Hörprothese“, das sogenannte Cochlea-Implantat, einzusetzen. Babys mit angeborener Taubheit bekommen in der Regel zunächst für drei Monate ein Hörgerät. Reicht das nicht, wird das Cochlea-Implantat empfohlen. Dieses Implantat sollte möglichst zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr - in der Regel auf beiden Seiten - eingesetzt werden. Nach dem 8. Geburtstag ist dieser Eingriff nicht mehr möglich. Kinder, die früh mit einem solchen Implantat ausgestattet werden, haben gute Chancen, bis zum Schuleintritt das gleiche Niveau wie normal hörende Gleichaltrige zu erzielen. Voraussetzung für einen guten Hör-Erfolg ist nach dem Einsatz eines Cochlea-Implantats die Rehabilitation in speziellen Zentren. Dort wird in regelmäßigen Abständen über insgesamt etwa drei Jahre das Hören mit dem System geübt und Sprechen gelernt. Die Erfolgsaussichten sind gut, beinahe alle Patienten können später ein sprechendes Gegenüber – kombiniert mit Lippenlesen – verstehen. Circa 50 Prozent sind dazu auch ohne Lippenlesen in der Lage.

Cochlea-Implantate eignen sich auch bei jeder später erworbenen Taubheit mit intakten Hörnerven, um das Hörvermögen wiederherzustellen.

Wie funktioniert ein Cochlea-Implantat?

Ein Cochlea-Implantat besteht aus einem außen angebrachten Sprachprozessor mit Mikrofon und einem Implantat mit Elektroden, die durch eine Operation in das Hörorgan (Schnecke bzw. Cochlea) eingelegt werden. Das Mikrofon des Sprachprozessors nimmt Schallwellen auf und wandelt sie in elektrische Impulse um, die dann zum Implantat gesendet werden. Die elektrischen Impulse stimulieren den Hörnerv, der sie als akustisches Signal, also Ton, interpretiert. Die wahrgenommenen Töne klingen allerdings metallisch und bestimmte Modulationen sind kaum zu erkennen. Auch Nebengeräusche können nur schlecht herausgefiltert werden. Kleine Kinder, die mit einem solchen Implantat aufwachsen, haben damit weniger Probleme als ältere oder Erwachsene, die von ihrem früheren Hörvermögen her umlernen müssen.

Weitere Hilfen bei Gehörlosigkeit

Gebärdensprache und Hilfsmittel und Verhaltensregeln helfen Gehörlosen, den Alltag zu meistern.

Gebärdensprache erlernen: Bei früher Gehörlosigkeit sind die lautsprachliche Frühförderung und das Erlernen der Gebärdensprache zu empfehlen. Gehörlose Kinder sollten möglichst von Beginn an die Chance haben, sich mittels Gebärdensprache zu verständigen. Das wirkt sich nachweislich günstig auf ihre allgemeine Sprachkompetenz aus.

Signalanlagen für Gehörlose: Um den Alltag zu erleichtern, gibt es verschiedene Signalanlagen, die akustische Geräusche in Licht- oder Vibrationssignale umwandeln. Diese blinken oder vibrieren je nach Signalquelle in unterschiedlichem Rhythmus. Das ist beispielsweise praktisch, wenn Sie die Türklingel oder das Telefon wahrnehmen wollen. Es gibt entsprechende Hilfsmittel auch, um Haushaltsgeräte zu überwachen oder für Rauchmelder.

Mit Gehörlosen umgehen

Eine der stärksten Einbußen der Lebensqualität von Gehörlosen ist der Umgang anderer Menschen mit der Behinderung. Durch übertriebene Fürsorge beispielsweise drängen Menschen ohne Handicap Gehörlose in eine Rolle, in der die sich in der Regel nicht wohlfühlen. Behandeln Sie gehörlose Menschen also am besten wie jeden anderen Menschen auch.

Wenn Sie im Kontakt mit Gehörlosen einige Verhaltensregeln beachten, klappt die Unterhaltung in aller Regel hervorragend:

  • Bevor Sie den Gehörlosen ansprechen, ziehen Sie seine Aufmerksamkeit durch Bewegungen der Hand (z. B. winken) auf sich. Sie können Ihr Gegenüber auch leicht an der Schulter oder am Arm berühren oder das Licht ein- und auszuschalten – Gehörlose machen dies auch unter sich und kennen diese Verhaltensweisen.
  • Schauen Sie Gehörlose beim Sprechen an und halten Sie Blickkontakt.
  • Verdecken Sie Ihren Mund nicht bei Sprechen, achten Sie darauf, dass genug Licht auf Ihr Gesicht fällt.
  • Sprechen Sie langsam und deutlich – aber schreien Sie nicht. Lautes Sprechen verzerrt die Gesichtszüge und erschwert das Lippenlesen.
  • Achten Sie auf deutliche Mimik und Gestik, lassen Sie natürliche Gebärden einfließen.
  • Kurze, klare Sätze werden besser verstanden.
  • Meiden Sie Dialekte und sprechen Sie möglichst Hochdeutsch.
  • Halten Sie einen Zettel und Stift (oder elektronische Hilfsmittel) bereit und schreiben Sie nicht Verstandenes auf.
  • Lernen Sie Gebärdensprache.

Vorbeugung

Erblich bedingter Taubheit kann man nicht vorbeugen. Das Risiko erworbener Gehörlosigkeit kann aber sehr wohl verringert werden. Schwangere sollte sich etwa durch entsprechende Impfungen vor Virus-Infektionen (wie Röteln) schützen, nicht rauchen, keinen Alkohol trinken und Medikamente nur nach Rücksprache mit dem Arzt einnehmen. Nach der Geburt des Kindes ist es sinnvoll, das Angebot des Neugeborenen-Hörscreenings wahrzunehmen. Eltern, denen eine mangelnde Reaktion ihrer Kinder auf akustische Reize auffällt, sollten umgehend das Hörvermögen ihrer Kinder testen lassen.

Autor: Charly Kahle; Mitarbeit: Dr. med. Anja Braunwarth (Ärztin)

Stand: 22.05.2017

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