Suchttherapie

Die wichtigsten Botschaften für Süchtige und Angehörige zu Beginn: Suchttherapien ebnen den Weg aus der Abhängigkeit von Alkohol, Medikamenten, Drogen und Verhaltensweisen. Und: Ja, Suchttherapien können scheitern – aber sie haben auch hohe Erfolgsraten. Ja, trotz Therapie gibt es Rückfälle – aber das ist oft kein Scheitern der Therapie, sondern Grund für einen neuen Anlauf. Und: Ja - es ist möglich, dass unzähmbar erscheinende Verlangen nach dem Suchtmittel zu besiegen - und in ein neues Leben ohne Abhängigkeit zu starten. Dazu braucht es etwas Mut, Hartnäckigkeit und Geduld. Jahrelange Sucht lässt sich nicht im Handumdrehen abschalten. Die Suchttherapie ist ein Prozess, der mit dem Wunsch nach Abstinenz beginnt und lebenslang anhält.

Sucht ist eine Krankheit

Ob Alkohol, Zigaretten, Heroin oder andere harte Drogen, ob Spielsucht, Essstörungen, Sexsucht, Medikamentensucht oder Arbeitssucht: Jede Sucht verläuft anders. So anders wie Menschen verschieden sind. Es gibt deshalb nicht den einen richtigen Weg aus der Abhängigkeit. Allerdings lassen sich auch viele Gemeinsamkeiten unter Abhängigen finden – unabhängig von der Droge. Denn nicht die Droge ist die Krankheit, sondern die Sucht.

Wichtige Einsicht: Sucht als Krankheit sehen

In der Auseinandersetzung mit Sucht machen Abhängige und Angehörige viele Erfahrungen. Einer der wichtigen Meilensteine ist, Sucht als Krankheit zu akzeptieren. Ob Alkohol, Drogen, Medikamente oder stoffungebundene Suchtmittel wie Bulimie oder Magersucht: Sucht ist keine Charakterschwäche, auch kein Mangel an Willen oder einfach nur ein Sich-gehen-Lassen. Sucht ist eine ernst zu nehmende Erkrankung. Eine Krankheit überdies, für die es erfolgreiche Behandlungskonzepte gibt.

Leidensdruck und schlechtes Gewissen

Abhängigkeitserkrankungen erzeugen einen enormen Leidensdruck. Früher oder später fordert die Sucht ihren Tribut. Stehen am Anfang noch Glückserlebnisse im Mittelpunkt, folgen schnell Gewöhnung, Toleranzentwicklung und psychische und/oder körperliche Abhängigkeit. Leidensdruck wächst mit den Jahren Der aus der Abhängigkeit entstehende körperliche und seelische Leidensdruck wird durch soziale Konsequenzen wie Vereinsamung, finanzielle Probleme, Arbeitsplatzverlust oder Wohnungslosigkeit oft verstärkt. Dies gilt nicht nur für Menschen, die von klassischen harten Drogen wie Heroin oder Kokain abhängig sind. Alkoholismus führt oft zu Führerschein- und Arbeitsplatzverlust, Spieler verzocken das Heim der Familie oder die internationale Anerkennung wie im Fall Uli Hoeneß.

Schlechtes Gewissen wird verdrängt

Häufiger Begleiter von Abhängigen bleibt das schlechte Gewissen. In den meisten Phasen der Suchterkrankungen spüren Abhängige, dass ihr Verhalten nicht stimmig ist. Sie verdrängen diesen Gedanken aber auch schnell wieder. Das ist ein weiteres Symptom der Suchterkrankung, das leider oft zum Verbleiben in der Abwärtsspirale von Suchtmittelkonsum und Leid beiträgt. Erst wenn der Leidensdruck sehr groß wird - die Grenze dafür ist bei jedem Menschen unterschiedlich - reift die Entscheidung, eine Suchtberatung aufzusuchen oder anderweitig Hilfe zu suchen.

Ambulante Suchtberatung

Erste Anlaufstelle für Abhängige sind meistens Selbsthilfegruppen oder ambulante Suchtberatungen. Diese Beratungsstellen helfen in jeder Phase der Suchterkrankung - ob ausgeprägter Abstinenzwunsch, latentes schlechtes Gewissen oder Notfall. Nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtberatung (DHS) gibt es in Deutschland mehr als 1400 ambulante Einrichtungen der Suchthilfe. In der Online-Suche der DHS lässt sich gezielt nach einer passenden Einrichtung in der Nähe suchen.

Die ambulante Suchtberatung ist auch die richtige Adresse, wenn Abhängige eine stationäre Therapie anstreben. Suchtberatungen sind ein unverzichtbarer Helfer und Lotse im komplizierten Antragsverfahren. Sie helfen, einen der begehrten Plätze in den etwa 800 deutschen Suchtkliniken zu bekommen. Die stationäre Suchttherapie hilft suchtkranken Menschen, sich von ihrem Suchtmittel zu entwöhnen. Und sie zeigt Perspektiven auf, ein suchtmittelfreies Leben zu genießen zu lernen.

Stationäre Suchttherapie

Bei allen Süchten mit körperlichen Entzugserscheinungen beginnt die stationäre Suchttherapie mit einer sogenannten Entgiftung. In der Regel erfolgt die Entgiftung in einem normalen Krankenhaus oder einer Suchtklinik. Dabei haben sich einige Krankenhäuser und Suchtkliniken mit Stationen für bestimmte Suchterkrankungen spezialisiert. Weit verbreitet sind vor allem Stationen für den Entzug von Alkohol, Medikamenten und harten Drogen. Die stationäre Behandlung ist notwendig, weil die Entgiftung häufig mit starken Entzugserscheinungen einhergeht. Im Krankenhaus lassen sich diese Entzugserscheinungen medikamentös lindern. Außerdem stellt die ärztliche Kontrolle sicher, dass die Entzugserscheinungen ohne Komplikationen bleiben.

Typische Entzugserscheinungen nach Alkohol, Drogen oder Medikamenten sind beispielsweise quälende Unruhe, starke Schmerzen, Kreislaufschwankungen, Halluzinationen und Krämpfe. Diese Symptome können schwach ausgeprägt sein, aber mitunter auch heftig und sogar lebensbedrohlich ausfallen. Deshalb ist die Entgiftung immer ein Fall für Mediziner. Von Selbstversuchen mit dem Suchtmittelentzug ist dringend abzuraten.

Entwöhnungsbehandlung in einer Suchtklinik

Nach erfolgreicher Entgiftung beginnt im Idealfall unmittelbar eine stationäre Entwöhnungsbehandlung in einer spezialisierten Suchtklinik. In der Praxis sind allerdings Wartezeiten nicht selten. Dann kann die vorübergehende Einweisung in eine sogenannte Übergangseinrichtung sinnvoll sein. Es gibt nicht die eine stationäre Suchttherapie. Im Mittelpunkt einer jeden Suchttherapie aber steht, die Mitwirkungsbereitschaft und Selbstheilungskräfte der Klienten zu stärken. Viele Jahre der Sucht haben den Blick der Betroffenen auf sich selbst und die Welt stark verzerrt. Außenstehenden erscheint es angesichts der durch Sucht verursachten Leiden unglaublich. Aber Abhängige fragen sich zu Beginn einer Therapie tatsächlich sehr oft: Werde ich ohne Droge je wieder Freude am Leben haben? Was ist das Leben wert ohne Joint, Alkohol, Tablette oder Spielhalle? Das Beispiel verdeutlicht, wie tiefgreifend Sucht das Leben und die Wahrnehmung des Süchtigen verändert. Die Suchttherapie wird nicht ohne Grund auch als Entwöhnungsbehandlung bezeichnet. Sie ist der Beginn eines Prozesses, mit dem die Wahrnehmung der Klienten wieder auf Bereiche jenseits des Suchtmittelkonsums und Suchterlebens geführt wird.

Kognitive Verhaltenstherapie

Ein bewährtes Mittel der Entwöhnungsbehandlung ist die kognitive Verhaltenstherapie. Ganz grob umrissen setzt diese Therapieform darauf, in Einzel- und Gruppengesprächen das Suchtverhalten und dessen Gründe zu beschreiben und zu verstehen. Darauf aufbauend geht es darum, neue Verhaltensweisen einzuüben. Beide Elemente, das Verstehen und das Üben, werden durch Angebote und Regeln der Suchtkliniken unterstützt.

Neues Verhalten einüben

Um Klienten beispielsweise wieder an einen normalen Tag-Nacht-Rhythmus zu gewöhnen, sind die Tage einer Suchttherapie in der Regel vom Morgen bis zum Abend strukturiert. Die Teilnahme an mit den Therapeuten vereinbarten Arbeitsgruppen ist verpflichtend. Dieses Wiedererlernen einer Tagesstruktur ist vor allem bei den Konsumenten von illegalen Drogen ein elementares Ziel. Das Leben und Erleben neu erlernen. Vor allem aber hilft die Suchttherapie suchtkranken Menschen, das Leben und Erleben neu zu entdecken. Ergotherapie, Sport, Kunstkurse oder Achtsamkeitsübungen haben das Ziel, dass die Klienten ihren Körper und die mit den Tätigkeiten verbundenen Sinneseindrücke wieder bewusst erleben. Denn als Süchtige haben Abhängige es verlernt, auf ihren Körper und ihre Gefühle zu achten oder zu hören.

Diagnose und Therapie von psychischen Erkrankungen

Da viele Abhängigkeitserkrankungen mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Borderline oder Psychosen einhergehen, liegt ein weiterer Schwerpunkt der stationären Suchttherapie auf der Behandlung dieser Erkrankungen. Nach Angaben der DHS leidet nahezu jeder 2. Abhängige (46 Prozent) unter Angststörungen oder affektiven Erkrankungen wie Depressionen.

Dauer und Kosten einer Suchttherapie

Jeder Suchtkranke hat in Deutschland einen rechtlichen Anspruch auf Suchttherapie. Dazu gehören nötigenfalls die Entgiftung und eine anschließende psychologische Behandlung. Letztere kann ambulant, in Tageskliniken oder stationär erfolgen. In der Regel sind die stationären Behandlungen am erfolgversprechendsten. Sie dauern je nach Art der Abhängigkeit und der Dauer der Sucht zwischen 3 und 9 Monaten. An die stationäre Therapie kann sich eine sogenannte Adaptionsbehandlung anschließen. Ziel der Adaption ist es, Klienten wieder selbstständig in die Gesellschaft zu integrieren.

Kosten werden übernommen

Die Kosten für Entgiftung, Entwöhnungsbehandlung und Adaption werden von gesetzlichen Krankenkassen, Rentenversicherungsträgern oder Sozialhilfeträgern übernommen – auch mehrfach. Arbeitnehmer erhalten während der Therapie nach Auslaufen der Lohnfortzahlungsfristpflicht ein Übergangsgeld von der Rentenversicherung. Viele private Krankenversicherungen schließen Suchtbehandlungen aus ihren Tarifen aus. In vielen Fällen aber erklären sich auch private Versicherungen bereit, zumindest einen Teil der Kosten für eine Suchttherapie zu übernehmen.

Autor: Charly Kahle

Stand: 02.09.2019