Tourette-Syndrom

 

Tics sind das typische Kennzeichen beim Gilles-de-la-Tourette-Syndrom (TS). Zu den klassischen Symptomen, die sich unter Stress sogar noch verstärken können gehören unkontrolliertes  Lachen, Laute wie Schmatzen und Schreien und sogar Zuckungen, die das Gehen problematisch machen. Meist  treten die Tics bereits im Schulalter auf und werden häufig als kindlicher Trotz ausgelegt. Daher wird die Diagnose oft erst spät gestellt und wichtige Entwicklungsschritte verpasst.

Doch Grunzen, Zucken, Schmatzen oder Grimassenschneiden sind noch die harmlose Variante des Tourette-Syndroms. Denn ein Drittel der rund 40 000 Betroffenen in Deutschland leidet auch an Koprolalie, dem unwillkürlichen Ausstoßen von Flüchen und Obszönitäten. Kein Wunder, wenn die Betroffenen von ihrem Umfeld für verrückt gehalten werden. Dabei sind die Tourette-Patienten normal intelligent, ja sie gelten sogar als besonders musikalisch und sprachlich begabt. Das galt auch für Kaiser Claudius, der sich vor seinem Amtsantritt schon einen Namen als Historiker gemacht hatte.

Bei den unwillkürlichen Handlungen, den Tics, werden vokale Tics wie Schmatzen oder Schimpfen und motorische Tics wie Zuckungen unterschieden. Motorische Tics beginnen meist zwischen dem siebten und zwölften Lebensjahr, die vokalen etwa ab dem zwölften Lebensjahr. Zudem werden einfache und komplexe Tics unterschieden. Unter komplexen motorischen Tics werden komplizierte unwillkürliche Bewegungsabläufe verstanden. Zum Beispiel Berührungstics oder wenn Wege in bestimmten Schrittfolgen zurückgelegt werden. Die Tics können körperlich sehr anstrengend sein – manche dieser Bewegungen werden bis zu 60 000 Mal am Tag ausgeführt. Tics können auch Formen annehmen, die unter die Kategorie Selbstverletzung fallen. Patienten schlagen sich den Kopf gegen eine Wand oder trommeln sich auf die Augen – bis zur Erblindung.

Die Vielfalt der Tics

  • Blinzeln, Grimassieren, Bewegungen von Mund und Lippen, Kopfschütteln, Schulterzucken, Fingerbewegungen, ruckartige Bewegungen jedes Körperteils
  • Beißen, Hüpfen, in die Hocke gehen, Zurechtzupfen der Kleidung, Spielen mit den Haaren
  • obszöne Gesten (Kopropraxie)
  •  Imitieren Anderer (Echopraxie)
  • Bellen, Grunzen, Gurgeln, Husten, Kreischen, Räuspern, Saugen, Schniefen, Schreien, Spucken,Tiergeräusche, Zischen und viele andere Geräusche
  • Silben, Wörter, kleine Sätze
  • Auffälligkeiten beim Sprechen, was Rhythmus, Betonung, Geschwindigkeit angeht
  •  Wiederholen von Silben oder Wörtern (Echolalie)
  • Aussprechen und Wiederholen obszöner oder sozial unangemessener Wörter (Koprolalie)

Verlauf der Erkrankung beim Gilles-de-la-Tourette-Syndrom (TS)

Die Tics müssen nicht ständig vorhanden sein. Im Beginn der Erkrankung können die Symptome monatelang ausbleiben. Das erschwert auch die Diagnostik: Gerade in der Untersuchungssituation bleiben die typischen Zuckungen aus, obwohl ein ausgeprägtes Tourette-Syndrom vorliegen kann. Hier verhelfen Videoaufnahmen dem Arzt zur Diagnose (und den Eltern der kleinen Patienten zu Glaubwürdigkeit). Viele spüren vor den Tics eine Spannung oder Kribbeln, das sich löst, wenn sie den Symptomen nachgeben. Auch können die Betroffenen die Tics für eine Weile unterdrücken – die sich aber danach um so heftiger Bahn brechen.

Die Diagnostik ist einfach – wenn man daran denkt. Da die Erkrankung sich meist im Schulalter erstmals zeigt, werden die Kinder eher als renitent und schwer erziehbar eingestuft. Kompliziert wird die Angelegenheit auch dadurch, dass bei bis zu 80 Prozent der Betroffenen ein Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) vergesellschaftet ist. Auch der Übergang zwischen Tic und Zwangshandlung ist fließend. Zwangsstörungen sind häufig Begleiterkrankung beim Tourette-Syndrom.

Therapie beim Gilles-de-la-Tourette-Syndrom (TS)

Nach wie vor ist die Herkunft bzw. die Entstehung dieser neurologischen Erkrankung nicht geklärt. Es wird eine genetische Komponente vermutet, nur ist bislang das entsprechende Gen noch nicht identifiziert worden. Eine Heilung ist deshalb nicht möglich. Alle Medikamente, die zur Verfügung stehen, können lediglich zu einer Abnahme der Beschwerden verhelfen. Eine Symptomfreiheit kann nicht erreicht werden. Zwar wird oftmals durch die Verordnung von Neuroleptika eine Dämpfung der Tics sowie eine positive Beeinflussung möglicher Begleiterscheinungen wie Zwangsstörungen und Aggressionen festgestellt, trotzdem empfiehlt sich eine medikamentöse Therapie nur dann, wenn die Tics sehr störend sind oder gar zu Verletzungen führen.

Die Prognose ist aber nicht allzu schlecht – ab dem zwanzigsten Lebensjahr bilden sich die Tics bei etwa einem Drittel der Betroffenen spontan zurück, bei einem weiteren Drittel bessern sich die Symptome. Trotz der zum Teil sehr belastenden und das Umfeld störenden Tics gelingt den meisten Patienten eine gute soziale Integration.