Pubertät oder "Eltern sind peinlich"


...Der 14-jährige Marc eröffnet seinen Eltern, er fahre am kommenden Samstag mit einem Freund und dessen Auto in die 100 Kilometer entfernte Großstadt in eine Disco und übernachte bei Bekannten. Auf die Frage der Eltern, welcher Freund dies sei, bei wem denn übernachtet werden solle und auf den Einwand, dass diese Aktion noch genauer besprochen werden müsse, erhalten sie die Antwort, sie hätten ihm überhaupt nichts mehr zu sagen, er könne für sich selbst entscheiden und lasse sich nicht weiter bevormunden...

...Der 13-jährige Sven wird auf der Klassenfahrt mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert...

...Die Eltern der 14-jährigen Mareike werden von der Polizei angerufen, sie könnten sie auf der Polizeistation in Empfang nehmen, sie sei beim Stehlen in einem Kaufhaus ertappt worden...

...Der 15-jährige Mathias fällt in seinen Schulleistungen rapide ab. Durch Zufall erfahren die Eltern, dass er mehrfach die Schule geschwänzt hat und die Nachmittage nicht, wie sie vermuteten, mit dem Erledigen der Hausaufgaben verbringt, sondern mit seinem Mofa und Freunden in den umliegenden Wäldern herumfährt...


Kein Zweifel, die Pubertät ist ausgebrochen, die Zeit der Wandlung, Loslösung, Verselbständigung und Neuorientierung.
Pubertät, das heißt für viele Familien: Schluss mit der Vater - Mutter - Kind Idylle! Stattdessen gibt es Streitigkeiten, Auseinandersetzungen, Provokationen, Grenzüberschreitungen, Wut und Tränen bei allen Beteiligten. Nicht nur in Familien, die schon bisher das Zusammenleben als anstrengend erlebten, sondern auch in Familien, die sich selbst als harmonisch und "gut funktionierend" beschreiben, ist der Zeitpunkt der emotionalen, körperlichen und sozialen Verselbstständigung der Kinder ein schwieriger Prozess, der alle Beteiligten vor hohe Ansprüche und Zerreißproben stellen kann.

Das Verhalten der Jugendlichen ist vielen Eltern unverständlich, es macht auch ihnen Angst. Sie haben Sorge, ob ihr Kind noch "normal" ist, fragen sich, ob ihre bisherigen Bemühen um eine angemessene Erziehung umsonst waren, befürchten ein Abgleiten der Kinder in kriminelle oder soziale Abgründe u. v. m. Aus dieser Sorge und Angst heraus reagieren Eltern dann häufig mit überzogenen Maßnahmen oder entziehen sich dem Erziehungsprozess. Sie können nur schwer die notwendige Gelassenheit und Klarheit entwickeln, die gerade in dieser Zeit hilfreich und notwendig ist. Darüber hinaus geht es in der Pubertät nicht nur um individuellen Veränderungsprozesse der Kinder und Jugendlichen, sondern auch um die Veränderungen in den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, um die Veränderung der Paarbeziehung der Eltern und die Veränderung der ganzen Familie – und all dies will bewältigt werden.

Phasen der pubertären Entwicklung
Die Entwicklung der Jugendlichen und Kinder zu Erwachsenen vollzieht sich sowohl auf der körperlichen, der sozialen und der emotionalen Ebene in unterschiedlichen Phasen. Die verschiedenen Entwicklungsschübe verlaufen nicht immer parallel und in festen Rhythmen, sondern unregelmäßig und sprunghaft. So ist es durchaus möglich, dass ein groß gewachsener, im Stimmbruch befindlicher Junge (körperliche Ebene) noch wie ein 10-jähriger mit Autos spielt (soziale Ebene), oder das pubertierende Mädchen sich morgens stundenlang vor dem Spiegel schminkt (soziale Ebene) und nachmittags mit dem Stofftier schmusend die Kindersendungen im Fernsehprogramm ansieht. Die folgende Tabelle ist also nur eine grobe Orientierung, die erhebliche Verschiebungen der einzelnen Phasen und Bereiche beinhalten kann.



Was passiert wann?



Alter
Körperliche Veränderungen Psychisches Erleben Soziales Erleben/Verhalten
Phase 1
10, 11, 12 Jahre
Stimmbruch, erste Menstruation, Schambehaarung, Körperbehaarung, erhöhte Adrenalin- Ausschüttung, Produktion von Sexualhormonen, (Östrogene bei Mädchen, Testosterone bei Jungen) verstärktes Schamgefühl, (Abschließen der Badezimmertür), Selbstzweifel, Depressivität, Stimmungslabilität Geheimnisse, Lügen, Starkult, Versuch einer eigenen Orientierung, Prozess der Wandlungen (Kinderzimmer), Distanz zur Erwachsenenwelt, Veränderung der Geschlechterbeziehung, Aufbau einer kritischen Distanz zu den Eltern, extreme Wutausbrüche, verklemmte Schüchternheit
2. Phase
13, 14, 15 Jahre
Talgdrüsen produzieren zuviel Hautfett (Pickel), unstimmige Körperproportionen, plötzliche Wachstumsschübe, erster Samenerguss Allmachts- und Größenphantasien, Identitätsprobleme, Verletzbarkeit, Verunsicherung, massive Selbstwertprobleme Überzogenes Experimentieren mit typischen Rollenmustern (Jungen: Alkohol, Macho-Verhalten, Lautstärke, Risikoverhalten...; Mädchen: Schminken, Spiegel, Frisuren...), Provokationen, Rückzug
3. Phase
16, 17, 18 Jahre
Körperliche Veränderung wird integriert, genossen, übertrieben, Äußerlichkeit hat hohen Stellenwert (Sport, Fitness, Essstörungen, Sexualkontakte) Aufbau eines neuen Selbstwertgefühls, z.T. gepaart mit Selbstüberschätzung, egozentrischem Denken, Sinnfindung Beginn eigener Zukunftsorientierung, Politisierung, Verselbstständigung, Lösung von elterlichen Vorgaben, Neuorientierung des Zusammenlebens, Sekten

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Pubertäres Verhalten und seine Bedeutung

 

Jungen und Mädchen in der Pubertät sind für Erwachsene oft schwer zu verstehen. Sie reagieren und agieren ganz anders, als es die Eltern bisher von ihnen gewohnt waren. Nicht nur die körperlichen Veränderungen, sondern auch das psychische Erleben und das soziale Verhalten zeigen, dass eine neue Zeitrechnung innerhalb der Familie stattfindet.


 

Kritisches Elternverhalten

 

Eltern haben es oft schwer, in der Pubertät die richtige Balance zu finden zwischen Halten und Loslassen, zwischen Kontrolle und Vertrauen, zwischen Grenzen setzen und Freiraum lassen. Die unterschiedlichen, oft unvorhersehbaren Verhaltensweisen ihrer Kinder verlangen ihnen immer wieder ab, ihre eigene Einstellung, ihre Haltung den Kindern gegenüber und ihr Verhalten neu zu überprüfen. Dabei geraten Eltern häufig in typische Verhaltensmuster, die für die Entwicklung der Kinder schwierig sein können.