Kinderängste

 

Angststörungen gehören zu den häufigsten psychiatrischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Oftmals haben Kinder und Jugendliche generalisierte Angststörungen (übertriebene Sorgen bezüglich alltäglicher Ereignisse), Trennungsängste (Verlust einer wichtigen Bezugsperson) und soziale Phobien (Angst, sich vor anderen zu blamieren). Ängste von Kindern zu identifizieren, ist keineswegs leicht. Kinder erfassen Ängste nicht rational mit dem Verstand und können ihre Pein dadurch nicht kontrollieren oder in Worte fassen. So bleiben ihre spezifischen Ängste häufig verborgen oder treten nur über Umwege oder durch bestimmte Symptome ans Tageslicht. Nicht immer sprechen Kinder über ihre Ängste, sondern äußern sie über Verhaltensauffälligkeiten.

 

Symptome verborgener Kinderängste können sein:

  • Kopfschmerzen, Bauchweh, Übelkeit
  • Ruhelosigkeit, Erschöpfung, Reizbarkeit
  • Kein Neugierverhalten
  • Regression (Verlernen erworbener Fähigkeiten wie Sprache oder Sauberkeit)
  • Einnässen und Einkoten
  • selbst gewählte Isolation
  • Passivität oder Hyperaktivität
  • Unangepasstheit
  • Ungeduld und Hektik
  • selbstverletzendes Verhalten
  • Aggression
  • Distanzlosigkeit
  • Fingernägelkauen
  • Haareraufen oder Trichotillomanie
  • Tics
  • Konzentrationsstörungen
  • wiederholte Alpträume
  • zwanghafte Manierismen
  • Schreckhaftigkeit
  • plötzliches Verstummen
  • Zurückfallen in frühere Entwicklungsstufen
  • Ausweichen und Vermeiden von Situationen
  • Ablehnung, tyrannisches und forderndes Verhalten
  • Zwangshandlungen und Zwangsgedanke
  • Ein- und Durchschlafstörungen
  • Anklammern und Protest bei Trennungen
  • Zittern
  • Atemnot
  • Stottern

 

Risikofaktoren für das Auftreten psychischer Auffälligkeiten sind ein ungünstiges Familienklima sowie ein niedriger sozioökonomischer Status. Schon in den ersten Lebensjahren beeinflussen gesellschaftliche und ökonomische Probleme die Gesundheit von Kindern. Materielle Armut, sozialer Abstieg, konfliktreiche Familienverhältnisse und eine bildungsferne Umgebung erhöhen das Risiko für die Entstehung psychischer Probleme. Familiäres Fehlverhalten muss aber nicht immer der Auslöser sein. Trotzdem trägt auch in diesen Fällen das familiäre Klima, das fehlende oder vorhandene Verständnis für die Not des Kindes entscheidend dazu bei, ob sich die Furcht verfestigt oder mit der Zeit bewältigen lässt.

 

Grundsätzlich gelten zwei Verhaltensänderungen als wichtige Alarmsignale: Wenn ein Kind verstummt oder sehr aggressiv wird, und zwar in einem Ausmaß, das für die jeweilige Entwicklungsphase untypisch ist.

Angst haben Mädchen und Jungen gleichermaßen, nur die Symptome äußern sich unterschiedlich. Während Jungen oft gewalttätig werden, ziehen sich Mädchen in ihr Schneckenhaus zurück. Viele hungern bis zum Umfallen oder verletzen sich selbst.


Was Sie tun können

Angst entsteht in erster Linie dadurch, die Kontrolle über eine Situation zu verlieren, folglich liegt die Lösung des Problems in der Wiedererlangung der Kontrolle. Als Eltern kann man die Ausbildung von Kinderängsten nicht verhindern, man kann aber das Kind bei der Angstverarbeitung unterstützen und Sicherheit geben.

Da Eltern in der Regel nur mit Erwachsenen-Möglichkeiten aufwarten können, d.h. zu gesprächs- und vernunftbetont sind. sollte Wert darauf gelegt werden, dass das Kind bei der Angstverarbeitung eigene Lösungsvorschläge mit einbringt. Elterliche Lösungsvorschläge werden außerdem oft mit Widerstand und Blockaden aufgenommen.

Eine gelungene Angstverarbeitung ist dann gegeben, wenn Kinder sich konstruktiv beteiligen und wenn sie in ihren Problemlösungskompetenzen Forderung, Förderung und Stärkung erfahren. 

Tipp: Spieltrieb und magische Phase nutzen

Gerade Kinder haben für eine erfolgreiche Therapie passende Möglichkeiten zur Verfügung: Spiel, Magie und Ritual. Diese ureigensten Verarbeitungsmöglichkeiten sollten genutzt werden. Kinder spielen eigentlich immer. Sie spielen mit Erlebnissen oder Rollen. Nach außergewöhnlichen Erlebnissen können es sehr oft auch lösungsorientierte Wiederholungsspiele sein, die das traumatische Erlebnis zum Inhalt haben. Das Spielen hilft beim Suchen von Lösungen und unterstützt den kindlichen Verarbeitungsprozess.

Außerdem verfügen Kinder über die „magische Phase". In dieser Zeit ist das Realitätswissen teilweise vorhanden. Wissenslücken werden mithilfe von Phantasie und selbst gestalteten Überlegungen geschlossen. Das magisch-phantastische Denken ist eine altersentsprechende Form der Intelligenz, mit der Kinder schöpferisch tätig sind, um ihre Umgebung, ihre Nah- und Umwelten zu verstehen. Das magische Denken stellt einen Strukturierungsversuch dar. Viele der Entwicklungsaufgaben zwischen dem 4. und 9. Lebensjahr sind von Ängsten durchzogen und können aufgrund des magisch-mystischen Denkens besser ausgehalten und produktiver bewältigt werden. Kinder glauben an die Macht der Phantasie und an ihre Zauberkraft. Mit der Logik des Kindes heißt das, dass die Phantasie, die Monster und Räuber hervorbringt, diese auch wieder verschwinden lassen kann. Die Kraft kindlicher Kreativität sollte genutzt werden, indem Eltern den Kindern Geschichten und Märchen vorlesen oder den Kuscheltieren magische Kräfte verleihen. 

Auch wenn Erwachsenen die Ängste als harmlos erscheinen, sollten diese immer ernst genommen werden, denn die Gründe für Ängste sind für Kinder immer sehr real. Das Monster unterm Bett ist genauso furchteinflößend wie Nachbars Hund.

 

Wann Sie zum Arzt gehen sollten

Der Übergang von einer Entwicklungsstufe zur nächsten dauert in seiner kritischen Phase allenfalls ein paar Wochen oder maximal drei Monate. Als Faustregel kann gelten, dass all das, was an außergewöhnlichem Verhalten bei einem Kind zu beobachten ist, dann intensiver unter die Lupe genommen werden sollte, wenn es deutlich länger als drei Monate dauert. Bedenken Sie auch, dass Kinder immer eine stark verzögerte traumatische Reaktion zeigen. Oftmals liegt das Schlüsselerlebnis mehrere Monate zurück, ohne das die Eltern etwas merken.

 

Autorin:

Kerstin Putschke