Hüftgelenkersatz durch Kurzschaftprothese - Knochenschonendes Verfahren für junge Patienten

"Unter Coxarthrose versteht man alle funktionsmindernden Erkrankungen des Hüftgelenkes, die zu einer fortschreitenden Zerstörung des Gelenkknorpels - also der Gleitschicht zwischen den Knochen - führen", erklärt Dr. Stephan Elenz, Chefarzt in der Klinik für Unfall-, Wiederherstellungs- und orthopädische Chirurgie am St. Marien-Hospital Mülheim an der Ruhr.


"Aufgrund des Knorpelabriebs ist im Röntgenbild eine deutliche Verschmälerung des Gelenkspaltes zwischen dem Kopf des Oberschenkelknochens und der Gelenkpfanne im Beckenknochen erkennbar. Als Reaktion auf die zerstörte Gleitschicht zwischen den Knochen verdichtet sich das Knochengewebe, es bilden sich knöcherne Anbauten und die Oberfläche des Hüftkopfes erscheint in der Röntgenaufnahme uneben. Bei schwerer Arthrose kann der Hüftkopf nahezu zerstört sein." Durch die steigende Lebenserwartung der Bevölkerung nimmt die Zahl der Personen mit solchen Verschleißerkrankungen zu. Bestimmte Faktoren können aber auch dazu führen, dass es bereits bei jungen Menschen zu einer starken Abnutzung des Gelenkknorpels kommt. "Hierzu zählen beispielsweise Hüfterkrankungen im Kindesalter, Hüftluxationsleiden, Unfallfolgen, entzündliche Prozesse sowie Stoffwechselerkrankungen", so Elenz. "Im Allgemeinen haben Frauen nach der Menopause ein höheres Risiko, an Arthrose zu erkranken, als Männer."



Auch Karin B. (51) hatte seit langem Probleme mit den Hüftgelenken. Spannungsgefühle und Steifigkeit traten vor über zehn Jahren als erste Anzeichen auf. Bei feuchtem und kaltem Wetter verstärkten sich die Beschwerden. Die Schmerzen - vor allem im linken Hüftgelenk - wurden in den folgenden Jahren immer stärker - besonders bei ruckartigen Bewegungen und beim Auftreten auf das Bein. Auch nach längeren Ruhepausen fiel jede Bewegung schwer, morgens kam Frau B. nur noch mit Hilfe ihres Mannes aus dem Bett. Da die Beschwerden in letzter Zeit immer unerträglicher wurden, nahm Karin B. bis zu sieben Schmerztabletten pro Tag. Dr. Elenz: "Bei der Arthrose können sich schmerzarme und schmerzreiche Phasen lange Zeit abwechseln, bis die Erkrankung schließlich zu einem Dauerschmerz führt. Durch das abgeriebene Knorpel- oder Knochenmaterial können zudem immer wieder auch Entzündungen im Gelenk auftreten, die akute und starke Schmerzen verursachen."



Gute Voraussetzungen für einen Wechsel schaffen


Eine Heilung der Coxarthrose ist heute noch nicht möglich. Nur der Verlauf lässt sich herauszögern und die Schmerzen bekämpfen. In schweren Fällen muss das verschlissene Gelenk durch ein künstliches aus hochwertigen Materialien (Titan, Metall, Keramik und Kunststoff) ersetzt werden. Die Implantation eines künstlichen Hüftgelenkes ist eine der am häufigsten durchgeführten Operationen - pro Jahr werden in Deutschland etwa 170.000 Hüftgelenke eingesetzt. Aufbau, Materialien und Haltbarkeit der Prothesen wurden in den vergangenen Jahren immer weiter verbessert. Eine große Anzahl von Modellen steht inzwischen für den Hüftgelenkersatz zur Verfügung: Zementierte ebenso wie solche, die zementfrei verankert sind. "Ein künstliches Gelenk kann derzeit rund zehn bis 20 Jahre funktionsfähig bleiben", erläutert der Chirurg aus Mülheim. "Dann lockert es sich zumeist und muss gegen ein anderes Modell ausgewechselt werden. In den letzten Jahren wurden deshalb speziell Prothesenmodelle für junge Menschen entwickelt, die im Laufe ihres Lebens mit einer Wechseloperation rechnen müssen. Beim Einsatz dieser neuen künstlichen Gelenke besteht die Möglichkeit, nur wenig Knochenmaterial zu entfernen. So sind für den Fall einer Wechseloperation gute Voraussetzungen geschaffen, auch eine neue Prothese wieder sicher verankern zu können." Eines dieser neuen Hüftgelenkmodelle ist die Kurzschaftprothese .



Kurzer Schaft - sicherer Halt


Der Oberschenkelknochen besteht aus dem langen Schaft und dem kurzen, leicht abgewinkelten Hals, der die Kugel des Hüftgelenks trägt. Ein Gelenkersatz ist ähnlich aufgebaut, die Formgebung dem Knochenverlauf angeglichen. Wird eine Kurzschaftprothese implantiert, werden der knöcherne Oberschenkelkopf und -hals entfernt. Der spitz zulaufende Schaft der Prothese wird im oberen Anteil des Oberschenkelknochens verankert. Er wird in ein genau gefrästes Prothesenlager eingepasst. "Der Schaft der Kurzschaftprothese ist - wie der Name schon sagt - um etwa zwei Drittel kürzer als bei konventionellen Modellen. Dadurch ist die notwendige Bohrung in den Oberschenkelknochen entsprechend weniger tief, und es bleibt mehr Knochen erhalten", sagt Elenz. "Das neue Gelenk muss besonders sorgfältig eingesetzt werden, damit es stabil sitzt und optimal belastbar ist." Die Prothese hält durch eine massive Verklemmung im Schaft sowie durch eine raue Metalloberfläche, in die der Knochen einwächst. Je länger die Prothese im Knochen verbleibt, umso stärker ist die Verwachsung. Eine Verankerung mit Hilfe von Knochenzement ist deshalb nicht notwendig. "Dies ist ein weiterer Vorteil der Kurzschaftprothese, denn im Falle einer notwendigen Wechseloperation muss bei zementierten Prothesen der gesamte alte Zement entfernt werden. Da dieser sich fest mit der Knochensubstanz verbindet, ist die Entfernung nicht nur mühsam, sondern es geht auch immer Knochenstruktur verloren", erläutert der Chirurg. "Die künstliche Hüftgelenkspfanne - das Gegenstück zur Kurzschaftprothese - kann ebenfalls zementfrei im Beckenknochen verankert werden, bei Bedarf mit zwei bis drei Verankerungsschrauben." Die Implantation einer Kurzschaftprothese kann im Idealfall über einen kleinen acht bis zehn Zentimeter großen Hautschnitt an der Außenseite des Oberschenkels vorgenommen werden. Der Operateur muss bei diesem Eingriff weniger Muskulatur als bei einer konventionellen Prothese durchtrennen - für die Wundheilung und die Rehabilitation nach dem Eingriff ein weiterer Vorteil.



Für und Wider


"Welches Prothesenmodell für den einzelnen Patienten das Richtige ist, wird nach verschiedenen Faktoren individuell entschieden: Alter, Geschlecht, Größe, körperliche Aktivität sowie die Knochenqualität spielen dabei eine Rolle", so Elenz. "Da die Kurzschaftprothese nur über einen sehr kurzen Schaft verankert wird, ist eine intakte Knochenstruktur zwingende Voraussetzung für die Implantation dieses Prothesenmodells. Gegen die Implantation einer solchen Prothese würden sowohl ein atypisch geformter Schenkelhals als auch eine Osteoporoseerkrankung sprechen. Da Frauen über 65 und Männer über 70 Jahren oft nicht mehr über die entsprechende Knochenqualität verfügen, ist für sie die zementfreie Kurzschaftprothese zumeist nicht geeignet. Außerdem ist im Gegensatz zu zementierten Prothesen - bei denen die Möglichkeit einer sehr frühen Belastung nach dem Eingriff besteht - bei der Kurzschaftprothese eine Vollbelastung erst nach vier bis sechs Wochen erlaubt. Bis dahin muss ein Teil der Belastung beim Gehen über Gehstöcke abgefangen werden. Viele ältere Menschen sind dazu nicht in der Lage."



Kurzschaftprothesen werden erst seit etwa zehn Jahren implantiert. Die Ergebnisse in der funktionellen Nachuntersuchung dieses Prothesentyps sind seit dem sehr vielversprechend: Kurzschaftprothesen schneiden dabei genauso gut ab wie klassische zementfreie Prothesen. Damit ist die Kurzschaftprothese für eine jüngere Patientengruppe, zu der auch die 51-jährige Karin B. zählt, eine knochenschonende Möglichkeit des Hüftgelenkersatzes geworden.



Quelle: St. Marien-Hospital Mülheim