BEZIEHUNGSFALLEN

Genau so, wie es auf der Seite der Jugendlichen typisch pubertäre Verhaltensmuster gibt, gibt es auf Seiten der Eltern immer wiederkehrende Reaktionen, die das Zusammenleben erschweren und belasten können.

Teufelskreis Kontrolle:
Eltern können nicht aushalten, dass die Kinder sich distanzieren, Geheimnisse haben, nicht alles preisgeben. Misstrauen und Verunsicherung bei Eltern führt schnell zu verstärkter Kontrolle (der Taschen, des Tornisters, des Schreibtisches ...) mit wiederum verstärkter Abwehr der Kontrolle auf Seiten der Jugendlichen und verstärkter Überschreitung von Grenzen. Daraus resultiert wiederum verstärkte Kontrolle. Es kommt zu eskalierenden Machtkämpfen bis hin zu räumlichen Trennungen (Internat, Heim ...).

Die Kunst der Eltern ist es, einerseits durch Vertrauensvorschuss die Eigenverantwortlichkeit der Jugendlichen so weit wie möglich zu stärken und andererseits so wenig Kontrolle wie eben nötig auszuüben.

Zu frühe Verselbstständigung:
Aus unterschiedlichen Gründen werden Jugendliche zu früh sich selbst überlassen. Die Fähigkeit der Jugendlichen, allein Verantwortung zu übernehmen („Ich bin alt genug, für mich zu entscheiden.") wird überschätzt. Zu frühes: „Du musst es selbst entscheiden", „mach doch, was du willst," führt letztendlich zu Vernachlässigung und Überforderung und ist nicht das, was Jugendliche wirklich wollen. Erwachsene müssen wissen, dass Jugendliche einerseits Selbstständigkeit fordern und gleichzeitig zu frühe Verselbstständigung als Desinteresse deuten („Ich bin Euch egal!").

Nehmen Sie als Eltern die Selbstständigkeitsbestrebungen der Jugendlichen ernst und fragen sie sich gleichzeitig, wo Sie als Erwachsene wirklich Position beziehen müssen.

Auseinandersetzung wird vermieden:
Aus Resignation, Enttäuschung, Überforderung, aber auch aus Angst vor den Kindern oder mangelnder Bereitschaft, sich auf immer wiederkehrende Diskussionen einzulassen, umgehen und vermeiden Eltern den Kontakt und die Auseinandersetzung. Anstatt die Auseinandersetzung zu suchen, versuchen sie, „hintenherum" an ihre Informationen zu kommen. Um die notwendige „Reibung" zu erzielen, verstärken Jugendliche ihre provozierenden Haltungen und verstärken damit die Spannung, bzw. sie zwingen die Eltern in die Auseinandersetzung.

Sie kommen als Eltern nicht darum herum, auch sinnlose Auseinandersetzungen zu führen, weil häufig der Streit an sich und nicht der Inhalt das Wesentliche ist.

Provokationen werden persönlich genommen:
Erwachsene unterscheiden nicht und verstehen nicht das Dilemma der Kinder, sich zwischen Kontaktwunsch einerseits und Abgrenzung andererseits zu erleben. Die zum Teil recht massiven verbalen Attacken („blöde Kuh", „Idiot") den Eltern gegenüber dienen einerseits der Abgrenzung, führen aber andererseits auch dazu, dass die Jugendlichen ein schlechtes Gewissen bekommen, weil sie wissen, dass die Äußerungen völlig unangemessen sind. Eltern können mit den verbalen Entgleisungen oft nur schwer umgehen und ziehen sich gekränkt und verletzt aus dem Kontakt zurück. Sie sehen nicht, dass ablehnendes Verhalten der Jugendlichen in der Regel nicht ihnen als Person, sondern ihnen als Vertretern der Erwachsenenwelt gilt.

In der Pubertät brauchen Erwachsene oft ein großes Herz und viel innere Sicherheit, um unterscheiden zu können zwischen pubertärem Übermut und wirklicher Grenzüberschreitung.

Erwachsene können es nicht aushalten, entidealisiert zu werden:
Um ihre „Überlegenheit" zu demonstrieren, suchen Erwachsene die wunden Stellen der Jugendlichen. Sie wollen mit aller Gewalt auf dem Sockel bleiben, von dem die Jugendlichen sie stürzen wollen. Aus Eitelkeit, Machtstreben oder eigener Hilflosigkeit versuchen die Erwachsenen, die Jugendlichen zu verunsichern, indem sie sie „an die Wand diskutieren", bloßstellen oder lächerlich machen. Auch wenn es häufig so aussieht, als legten die Jugendlichen es darauf an: Das, was sie am schwersten verkraften, ist, von den Erwachsenen aufgegeben zu werden.

Gönnen Sie den Jugendlichen das Gefühl, Sie „besiegt" zu haben. Die Zeiten, in denen Sie „Traumpapa" oder „Traummama" waren, sind vorbei. Tun Sie Ihren Teil dazu, ein erwachsener Partner Ihrer Kinder zu werden.

Wesentliche Aufgabe der Erwachsenen in der Pubertät ist, gerade dann, wenn es zu drastischen Vorfällen kommt, wenn z. B. Jugendliche massiv provozieren, die Beziehung nicht abzubrechen. Gerade psychisch instabile Jugendliche brauchen die Verlässlichkeit der sie begleitenden Erwachsenen.


Autor: Klaus Fischer