Diabetes und Ramadan

Diabetes und Ramadan Im Fastenmonat Ramadan muss der Arzt damit rechnen, dass ein Muslim nicht nur die Nahrungsaufnahme, sondern auch die Einnahme von Medikamenten ablehnt. Problematisch kann die Fastenzeit bei Diabetikern sein. Nach dem islamischen Recht sind chronisch Kranke zwar vom Fasten im Ramadan ausgenommen. Viele Menschen mit Diabetes möchten dennoch gerne an diesem religiösen Ritual teilnehmen. Infolge der veränderten Mahlzeitenfrequenz muss insbesondere eine Anpassung der medikamentösen Behandlung erfolgen, um den Blutzuckerspiegel auch während der langen Nahrungskarenz über den Tag konstant zu halten. Viele Informationen zum Thema Diabetes sind inzwischen sowohl in türkischer als auch russischer Sprache erhältlich. In den meisten Fällen obliegt es aber den deutschsprechenden Kindern, ihre Eltern beim Arztbesuch zu begleiten und für sie zu dolmetschen.

Türkische Patienten erkennen oftmals nicht, dass das eigene Verhalten Einfluss auf den Gesundheitszustand hat. Zum Beispiel wird bei Diabetes keine Verbindung zwischen Essverhalten und Erkrankung hergestellt. Darüber hinaus herrscht im Islam die Vorstellung, dass das Schicksal des Menschen in der Hand Allahs liegt. Das betrifft auch die Gesundheit. Dies kann bei muslimischen Patienten teilweise zu Passivität führen. Allerdings schreibt der Islam ausdrücklich vor, dass der Muslim auf seine Gesundheit zu achten hat, denn sie ist eine Gabe Allahs.

Muslimische Patientinnen
Das islamische Verständnis von körperlicher Unversehrtheit und Schamgefühl erfordert vom behandelnden Arzt ein hohes Maß an Feingefühl. Ein Beispiel ist die gynäkologische Untersuchung einer muslimischen Patientin durch einen männlichen Arzt. Im Islam sind körperliche Kontakte unerwünscht. Ein Händedruck zur Begrüßung kann für eine Muslimin peinlich und unangenehm sein oder sogar aufdringlich wirken. Der Koran verbietet gebärfähigen Frauen, sich unverhüllt einem fremden Mann zu zeigen. Es gibt allerdings auch Frauen, die dennoch männliche Gynäkologen bevorzugen, da sie diese für kompetenter halten. Zudem ist es in der Türkei unüblich, dass sich Frauen bei einer gynäkologischen Untersuchung völlig entkleiden. In der Türkei wird häufig ein Tuch verwendet, das den Intimbereich von der Taille an bedeckt. Es gibt jedoch große individuelle und intrakulturelle Unterschiede. Die Besonderheiten beim gegengeschlechtlichen Umgang gelten aber auch für Männer. Männer und Jungen sollten möglichst von gleichgeschlechtlichen ärzten untersucht und behandelt werden. Von diesen Vorschriften ausgenommen sind nur Kinder bis zur Pubertät. Mädchen werden in der Türkei ab einem Alter von etwa zehn Jahren nur noch im Beisein einer weiblichen Erwachsenen untersucht. Der Vater ist bei der Untersuchung nie dabei.

In der Türkei ist es üblich, dass weibliche Verwandte, manchmal auch der Ehemann, bei der Untersuchung einer Frau zugegen sind. Die Patientin sollte allerdings gefragt werden, ob sie eine andere Person mit ins Untersuchungszimmer nehmen will. Dies sollte aber nicht im Beisein der möglichen Begleitperson geschehen, da die Patientin dann schlecht ablehnen kann. Gerade bei gynäkologischen Untersuchungen ist es möglich, dass sich die Frau im Beisein ihres Ehemanns nicht traut, intime Themen anzusprechen. Es kann aber auch vorkommen, dass der Mann sich in den Ablauf der Untersuchung einmischt, da er befürchtet, dass man seiner Frau zu nahe tritt. Generell gilt: Sexuelle Themen und familiäre Probleme sind im islamischen Kulturkreis im Gespräch mit Außenstehenden tabu. Auch eine Schwangerschaft wird gegenüber einem Mann nicht angesprochen. Fragen nach dem Familienstand sollten taktvoll umschrieben werden. Gerade ledige Frauen fortgeschrittenen Alters empfinden diesen Zustand als persönlichen Makel. Ebenso sollte es vermieden werden, sich bei einer ledigen muslimischen Frau nach ihren Kindern zu erkundigen.

Interkulturelle Kompetenz
Türkische und muslimische Mitbürger stellen die stärkste Migrantengruppe in Deutschland. Doch was für türkische Frauen richtig ist, muss bei jugendlichen Russland-Deutschen nicht funktionieren. Langsam, aber stetig entwickelt sich die Sensibilisierung für die Migranten, die mit ihren sehr unterschiedlichen Sozialisierungsprozessen und Kulturkreisen eine große, aber inhomogene Gruppe bilden. Bei allen ethnischen Migrantengruppen finden sich Menschen mit unterschiedlichem Bildungsniveau, die unterschiedlich angesprochen werden müssen. In Deutschland hat die Zahl der Migranten mit einer HIV-Infektion drastisch zugenommen. Aufklärung und Prävention müssen hier verstärkt werden. Es ist dringend erforderlich, die kommunikative und interkulturelle Kompetenz der Mitarbeiter im Gesundheitssystem zu stärken. Bei Migranten geht es nicht nur um sprachliche Verständigung, sondern auch um die unterschiedlichen kulturellen Vorstellungen und Ausdrucksformen von Gesundheit und Krankheit. Es reicht nicht aus, verschiedene deutsche Informationsmaterialien in andere Sprachen zu übersetzen. Es müssen auch die soziokulturellen Unterschiede berücksichtigt werden.

Kerstin Putschke