Borderline
Borderline, Grenzlinie - nicht Fisch und nicht Fleisch...oder aber auch: von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt - treffender lassen sich die Stimmungsschwankungen von Borderline Betroffenen kaum charakterisieren. Wenn Menschen mit selbst beigebrachten Verletzungen auffällig werden, liegt die Diagnose Borderline-Syndrom nahe. Aber auch riskantes Verhalten jeder Art - vom extrem schnellen Auto- und Motorradfahren, gefährlichem S-Bahn-Surfen bis hin zum extrem risikobereitem Glücksspiel - kann ein Hinweis auf diese häufig psychiatrische Erkrankung mit hohem Suizidrisiko sein.
Der Begriff Borderline ist historisch bedingt. Er resultiert aus Zeiten, in denen man bei diesem Krankheitsbild einen Grenzfall zwischen Neurose und Schizophrenie vermutete. Heute gelten Borderline Störungen als eigenes Krankheitsbild.
Häufige Ursachen, Symptome und Riskofaktoren
- Kindheits- oder Familienkonflikte.
- Vernachlässigungen in jungen Jahren.
- Körperliche und/oder sexuelle Misshandlungen.
- Probleme mit dem Erwachsen-Werden, bzw. bei Mädchen mit dem "Frau-Sein".
- Mangelndes Selbstbewusstsein.
- Familiärer Leistungs- und Erfolgsdruck.
- Abwertung durch wichtige Bezugspersonen oder die Angst, verlassen zu werden; Hilferuf nach mehr Beachtung und Liebe.
- Extreme Stimmungsschankungen: Der Betroffenene hat sich nicht im "Griff". Plötzliche Impulse und Wut können nur schlecht kontrolliert werden. Stimmung und Verhalten gleichen einer emotionalen Achterbahnfahrt.
- Risikobereites Verhalten bei der Ausübung von gefährlichen Sportarten
- Suizidale Handlungen, bei denen der Betroffene eine mögliche Selbsttötung immer in Betracht zieht.
Begleitsymptom
Sehr häufig haben Borderline-Patienten gravierende Essstörungen, wie Bulimie. Bei der Bulimie kommt es zu regelmäßigen "Fress-Attacken". Die Betroffenen verschlingen Unmengen von Nahrungsmitteln, um sie dann später wieder zu erbrechen. Dieses impulsive, unkontrollierte Essverhalten, das ebenfalls dem Spannungsabbau dient, führt häufig zu Übergewicht mit allen daraus folgenden Gesundheitsproblemen. Stoffwechsel- und Hormonstörungen können die Folge sein.
Was Sie tun können
- Bei ersten Anzeichen das Gespräch mit dem Betroffenen suchen.
- Familiensituation kritisch prüfen.
- Wichtig sind Aufklärung über die Krankheit (Bücher, Zeitungen, Informationsmaterial von Arzt oder Apotheker) und Gespräche mit anderen Betroffenen (Selbsthilfegruppen oder Psychotherapeut).
- Soziale Kontakte zu anderen fördern. Stärkere Einbindung in die Familie.
Wann Sie zum Arzt müssen
Leider gilt bei diesen psychischen Störungen nicht "Gefahr erkannt, Gefahr gebannt". Sobald auch nur eine der zuvor genannten Ursachen oder Risikofaktoren Hinweis auf eine mögliche Erkrankung gibt, ist der Weg zum Arzt unumgänglich. Er wird den Patienten möglichst bald einer fachärztlichen Betreuung zuführen. Die Erfahrungen zeigen, dass anders als bei anderen psychiatrischen Krankheitsbildern sich hier die Patienten in der Regel nicht weigern, einen Facharzt wie Psychiater oder Nervenarzt aufzusuchen. Sie sind eher erleichtert, wenn ihre Störung einen Namen hat und Hilfsmöglichkeiten aufgezeigt werden.
Was Ihr Arzt tun kann
- Aufklärung über die Bedeutung und die Risiken der Borderline-Störungen.
- Beratung über mögliche Behandlungsmethoden in Selbsthilfegruppen, Spezialkliniken oder bei Gesprächstherapeuten.
- Weiterempfehlung in eine fachärztliche Betreuung.
Therapie
Die Behandlung besteht in erster Linie aus einer modifizierten umfassenden Verhaltenstherapie, der "Dialektischen Verhaltenstherapie". Diese setzt sich aus verschiedenen Modulen zusammen, die individuell auf den Betroffenen angewandt werden. Wichtig ist zunächst die umfassende Information über das Krankheitsbild. Das Identifizieren bestimmter Verhaltensmuster und das Zuordnen zur Erkrankung hilft, besser mit der Krankheit umzugehen und nimmt etwas vom Leidensdruck.
Ebenfalls ein wichtiges Instrument der Behandlung ist die Selbstverpflichtung. Die Patienten verpflichten sich gegenüber dem Therapeuten oder der Therapiegruppe, mit dem selbstschädigenden Verhalten aufzuhören und Alternativen für den Spannungsabbau zu erlernen und anzuwenden. Das gemeinsame Festsetzen von Zielen und der freiwilligen Verpflichtung, diese zu erreichen, hat auch direkte positive Auswirkungen auf den Patienten, der so lernt, bei einer Sache zu bleiben.
Weitere Module bei der Therapie sind
- Symptomtagebücher,
- Verhaltensanalysen,
- Emotionsmanagement
- soziales Kompetenztraining.
Skills
Um den Patienten beim Spannungsabbau zu helfen, werden Skills erlernt. Diese Skills sind individuelle Strategien zum Spannungsabbau. Sie sind unangenehm – liegen also auf der gleichen Schiene wie die Selbstverletzungen –, aber eben nicht so gefährlich. Skills sind zum Beispiel das Kauen von Pfefferkörnern oder Eisbeutel-Anwendungen. Stressbewältigung und Spannungsbbau können aber auch durch bestimmte Meditationstechniken erlernt werden.
Vorbeugung
- Familienkonflikte rechtzeitig erkennen und lösen. Gegebenfalls auch mit professioneller Hilfe.
- Eltern müssen das Selbstbewusstsein bei Heranwachsenden stärken.
- Keinen Leistungs- und Erfolgsdruck aufbauen, auch nicht der eigenen Person.
- Verständnis für Niederlagen aufbringen.
- Auf Verhaltensmuster achten und die angesprochenen Symptome erkennen.
- Den Drang zu extremen und risikobereitem Verhalten als Signal verstehen.
Allgemeine Fakten
- Etwa zwei Drittel der Borderline-Patienten sind von Alkohol, Drogen oder Medikamenten abhängig.
- Diagnostiziert wird ein Borderline-Syndrom bei 35 Prozent der männlichen und 20 Prozent der weiblichen Strafgefangenen. Bekannt wurde der Fall des Attentäters Mijailo Mijailovic, der die schwedische Außenministerin ermordete. Seine Verurteilung zu lebenslanger Haft wurde aufgrund des bei ihm diagnostizierten Borderline-Syndroms zu Sicherheitsverwahrung in einer psychiatrischen Einrichtung umgewandelt.
- Etwa 80 Prozent aller Borderline-Patienten haben mindestens einmal einen Suizidversuch unternommen. Die Gefahr, dass die Patienten mit der Absicht, sich zu töten, erfolgreich sind und sterben, liegt bei zehn Prozent. Im Vergleich zur Schizophrenie wird das Risiko für Selbsttötung bei Borderline-Syndrom etwas niedriger eingeschätzt.
- An Depressionen erkranken 41 bis 83 Prozent aller Betroffenen zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens, wie die Allgemeine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie e. V. mitteilt. Eine manisch-depressive Störung entwickeln zehn bis 20 Prozent der Borderline-Patienten.
Als Erkrankungsursachen werden genetische Faktoren diskutiert. Misshandlungen oder sexueller Missbrauch in der Kindheit begünstigen die Entwicklung eines Borderline-Syndroms. Zwischen 40 und 70 Prozent der Patienten haben in der Kindheit sexuelle Übergriffe erlitten. - Die Heilungschancen bei Borderline-Störungen gelten nach Angaben der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie als gut. Sechs Jahre nach dem ersten Klinikaufenthalt erfüllen 75 Prozent der Patienten nicht mehr die Kriterien einer Borderline-Erkrankung.
Autor:
Angelika Ramm-Fischer, Ärztin
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